Bilfinger-Korruptionsverfahren: US-Aufseher belastet Roland Koch schwer


Der Anwalt Mark Livschitz, der im Auftrag des US-Justizministeriums auf saubere Geschäfte beim Mannheimer Industriedienstleister Bilfinger achtet, hat schwere Vorwürfe gegen Roland Koch erhoben. Der ehemalige hessische Ministerpräsident, von 2011 bis 2014 Konzernchef bei Bilfinger, habe sich wie seine Vorstandskollegen "an keine Regeln gebunden" gefühlt und "strategische Entscheidungen in korruptionsempfindlichen Bereichen" gefällt, "ohne die Korruptionsproblematik zu bedenken".

Kürzlich hatte der aktuelle Bilfinger-Aufsichtsrat angekündigt, Koch und weitere Ex-Vorstände auf Schadensersatz in Höhe von 120 Millionen Euro zu verklagen. In zwei vertraulichen Berichten, die Livschitz 2015, ein Jahr nach Kochs Ausscheiden, verfasste, werden die Hintergründe der Klage deutlich: Die Firma, so Livschitz, leide an einem "ernsten Problem mit ihrer Unternehmenskultur, offenbar verdorben durch das Erbe seiner früheren Spitzenmanager, die sich für Könige in ihren Schlössern hielten".

Nach SPIEGEL-Informationen kommt der US-Aufseher zu einem vernichtenden Urteil: Im Umgang mit ihm, habe die Riege um Koch "reine Lippenbekenntnisse für die Galerie" abgegeben und "Schaufensterübungen" geboten, um ihn "bei Laune zu halten". Ernsthafter Aufklärungswille, so Livschitz, habe ihnen gefehlt.

Vor allem wirft der Aufseher dem früheren Bilfinger-Chef Koch vor, weltweit Firmen eingekauft zu haben, ohne ausreichend zu prüfen, ob sie sauber arbeiteten – viele davon in Ländern, in denen Korruption zum Alltag gehört. "Trotz evidenter Compliance-Risiken", so Livschitz, "gibt es keinerlei Hinweise, dass derartige Themen im Vorstand in Erwägung gezogen wurden."

Der US-Aufseher listet zudem Dutzende Korruptions-Verdachtsfälle auf, die auch in Kochs Zeit fielen. Von seinem Urteil hängen mögliche Strafen gegen Bilfinger ab. Roland Koch weist die Vorwürfe zurück. Er habe "das Compliance-System" bei Bilfinger "entscheidend vorangebracht".

Der SPIEGEL veröffentlicht in den kommenden Tagen die Artikelreihe "Das Bilfinger-Dossier".