Wall Street reagiert positiv auf Patt im Kongress

Nach den Zwischenwahlen zum Kongress ist an der Wall Street die Nervosität gewichen. Die amerikanischen Aktienbörsen reagierten auf die Wahlergebnisse am Mittwoch mit kräftigen, breitgefächerten Aufschlägen, getrieben von Technologieaktien und Gesundheitstiteln.

Am Donnerstag gaben die Kurse einen kleinen Teil dieser Gewinne im frühen Handel wieder ab. Eine leichte Gegenreaktion nach starken Kursgewinnen am Vortag ist an den Börsen nicht ungewöhnlich. Zudem waren Marktbarometer wie der S&P 500 bis zum Wahltag an sechs von sieben Handelstagen gestiegen. Damit haben amerikanische Aktien die heftigen Kursverluste vom Oktober teilweise wieder wettgemacht.

Die Republikaner haben die Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren, konnten ihre Mehrheit im Senat, der zweiten Kongresskammer, aber leicht ausbauen. An der Wall Street war zuvor überwiegend mit diesem Ergebnis gerechnet worden. Allerdings waren die Auguren von Manhattan mit ihren Prognosen vorsichtiger als sonst, weil es in der jüngsten Vergangenheit mehrfach handfeste Überraschungen gegeben hatte.

Vor zwei Jahren hatten die meisten Umfragen einen Sieg des Republikaners Donald Trump bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen nicht vorhergesehen. Auch die Konsequenzen eines potentiellen Siegs von Trump wurden völlig falsch eingeschätzt. Für den Fall eines Trumpschen Wahlsiegs hatten die meisten Analysten Kursrückschläge vorhergesagt. Die Börse reagierte schließlich aber genau entgegengesetzt.

„Jetzt befinden wir uns wieder in einem Umfeld, das die Leute verstehen, und deswegen sind sie willens, wieder ein bisschen Geld auf den Tisch zu legen“, sagte Peter Tuz, Präsident des Vermögenberaters Chase Investment Counsel, nach den Wahlen. Börsianer schätzen ein politisches Patt im Kongress, weil es die Gefahr von raschen Gesetzesänderungen minimiert. Zwar wird es für Trump nun schwieriger, gegen den Widerstand der Demokraten weitere Steuersenkungen durchzusetzen.

Gleichzeitig fürchten Investoren aber auch keine Kehrtwende für die Ende des vergangenen Jahres von einer republikanischen Kongressmehrheit verabschiedeten Steuererleichterungen für Unternehmen und Privatpersonen. „Dieses Ergebnis lähmt wahrscheinlich die meisten neuen Gesetzesinitiativen“, sagte Brian Nick, der die Anlagestrategie des Vermögensverwalters Nuveen Asset Management verantwortet.

Der Kongress erarbeitet Gesetzesvorschläge, die allerdings vom Präsidenten unterzeichnet werden müssen, bevor sie in Kraft treten. Selbst bei einer demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus und Senat hätte Trump immer noch vom Vetorecht des Präsidenten Gebrauch machen können.

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Die Aktienkurse von amerikanischen Unternehmen, insbesondere von Finanztiteln, wurden seit der Präsidentenwahl vor zwei Jahren auch von der Aussicht auf eine lockerere Regulierung gestützt. Eine demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus wird diesen Trend nach Ansicht von Analysten nicht umkehren. „Deregulierung fällt in den Zuständigkeitsbereich des Präsidenten – ein gespaltener Kongress wird diesen wirtschaftlichen Rückenwind nicht bedrohen“, meint Scott Clemons, Chefstratege der Investmentbank Brown Brothers Harriman.

Aktienkurse reagierten nach dem Wahltag nicht nur auf die neuen Zusammensetzungen des Kongresses, sondern auch auf Resultate aus einzelnen Bundesstaaten. Die Kurse von im S&P 500 abgebildeten Ölunternehmen wie Anadarko Petroleum oder Noble Energy stiegen deutlich, nachdem Wähler in Colorado gegen eine Initiative stimmten, die Bohrungen in weiten Teilen des Bundesstaats beschränkt hätten.

Colorado hat die siebtgrößten Ölvorkommen der Vereinigten Staaten. „Diese positive Entscheidung vertreibt große Sorgen“, kommentierten Analysten des Wertpapierhauses Raymond James, die Noble Energy umgehend auf ihre Empfehlungsliste setzten.

Die Kurse von Gesundheitstiteln legten insgesamt zu, weil es mit den neuen Mehrheitsverhältnissen unwahrscheinlicher wird, dass die unter Trumps Vorgänger Barack Obama verabschiedete Gesundheitsreform weiter ausgehöhlt wird. Republikaner im Kongress hatten nach der Wahl von Trump versucht, das auch als Obamacare bekannte Gesetz komplett abzuschaffen – wegen Widerstands in den eigenen Reihen allerdings ohne Erfolg.

Am Dienstag legten die Aktienkurse von Krankenversicherern und Krankenhausbetreibern wie United Health, Anthem oder Cigna deutlich zu. Gesundheitsaktien profitieren auch von der Expansion von Medicaid in einigen Bundesstaaten. Medicaid ist die staatliche Krankenversicherung für Leute mit geringem Einkommen.

Historisch betrachtet, dürften Aktien in den kommenden Monaten nach der Wahl steigen. Seit Ende des zweiten Weltkriegs haben amerikanische Aktien in den sechs Monaten nach solchen Urnengängen nämlich immer kräftig zugelegt – und zwar unabhängig vom Ausgang der Wahl.

Nach einer Studie des Informationsdienstes S&P Capital IQ ist der breitgefasste Aktienmarkt, gemessen am S&P 500, in den sechs Monaten nach Kongresswahlen in der Mitte der vierjährigen Amtszeit eines Präsidenten im Durchschnitt um mehr als 15 Prozent gestiegen. Gewählt werden in den Vereinigten Staaten im Zyklus von zwei Jahren wie zuletzt am Dienstag alle Abgeordneten des Repräsentantenhauses und rund ein Drittel des Senats.

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