Beatles veröffentlichten vor 50 Jahren das "Weiße Album"

Mit 30 Songs und gut 90 Minuten Laufzeit machte sich die Band aus Liverpool 1968 mit einer Doppel-LP zum Pop-Mythos. Doch war der Geniestreich tatsächlich schon Vorbote für das Ende? Die Jubiläumsausgabe weckt Zweifel.

Das prächtige Pop-Meisterstück „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ in allen Ehren – für viele Fans und Fachleute bleibt das „Weiße Album“ von 1968 die größte Leistung der „Beatles“. Vom Düsenjet-Sound zu Beginn des rockigen Openers „Back In The U.S.S.R.“ bis zum zärtlichen Schlaflied „Good Night“: Diese pralle Wundertüte ist so kunterbunt, melodiesatt, mutig und avantgardistisch wie kein anderes Werk der „Fab Four“.

CD und Vinyl

Zum 50. Jahrestag der Veröffentlichung von „The BEATLES“ (so der offizielle Titel der Doppel-LP mit dem schlichten weißen Cover des Künstlers Richard Hamilton) am 22. November lässt sich der Mythos „White Album“ noch einmal nachvollziehen. In kraftvollen Remaster-Versionen erklingen die 30 Originalsongs sowie Dutzende Demos und Studio-Outtakes auf CD und Vinyl aufgefrischt und wie neugeboren. Diese Lieder waren ihrer Zeit damals weit voraus, und sie faszinieren bis heute.

Auf der Kippe

Die Aufnahmen zeigen eine Band, die sich ein Jahr nach dem „Sgt. Pepper“-Triumph auf der Höhe ihres Ruhms, wegen privater Abenteuer und Streitereien aber auch auf der Kippe befand – und doch neue Aufbruchstimmung zu erzeugen wusste. Die weit verbreitete These, im Patchwork-Charakter des „Weißen Albums“ spiegele sich schon überdeutlich das knapp zwei Jahre später vollzogene Ende des Quartetts aus Liverpool, lässt sich damit jedenfalls kaum belegen. Obwohl nur auf der Hälfte der Tracks alle vier „Beatles“ mitspielen, ist die Entfremdung noch nicht so spürbar wie auf späteren Stücken. Dabei war der Start tatsächlich holprig. Der „Summer of Love“ von 1967 war verflogen, die gemeinsame Sinnsuche von John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr beim indischen Guru Maharishi Mahesh Yogi gescheitert. Der Drummer ging seiner Band zeitweise wütend von der Fahne, auch Drogen- und Eheprobleme bedrohten die „Beatles“-Harmonie. Zudem kam der langjährige Produzent George Martin mit dem neuen Material nicht zurecht und zog sich zurück. Also suchten sich die vier Briten andere, jüngere Mitstreiter in den Abbey-Road-Studios, luden Gastmusiker wie Eric Clapton oder Lennons neue Flamme Yoko Ono ein.

„Ja, wir hatten Spaß“, erinnerte sich McCartney jüngst im Magazin „Mojo“ an die von Ende Mai bis Mitte Oktober 1968 dauernden Sessions. „Egal was vorher schiefgegangen war, wer fortgerannt oder wer von wem genervt war – wenn wir uns hinsetzten, um zu spielen, dann geschah etwas. So waren die ,Beatles’ eben.“ Auch Giles Martin, Sohn des 2016 gestorbenen Produzenten und seit längerem Klangzauberer für „Beatles“-Jubiläumseditionen, meint, dass sich die Musiker für die „White Album“-Aufnahmen noch einmal zusammengerauft hatten. „Tatsächlich arbeitete die Band dann richtig gut miteinander. Soweit ich das hören kann, war die Atmosphäre bestens.“ Da sei „wie bei einer Garagenband“, viel gescherzt und gelacht worden, Feindseligkeiten habe es wohl nicht gegeben – obwohl mit Yoko Ono ein vermeintlicher „Spaltpilz“ im Studio herumsaß.

Die Band habe sich 1968 auch vom Druck befreit, immer größere, bessere Alben machen zu müssen, betont Abbey-Road-Toningenieur Ken Scott, damals erst 21 Jahre alt. „Jeder erwartete von ihnen ein „Sgt. Pepper II“. Doch so waren die „Beatles“ nicht, sie wollten jedesmal etwas Anderes. Und die Leute waren geschockt.“

Laut und ruppig

Man kann sich gut vorstellen, wie überrascht, auch konsterniert viele Fans nach dem mit Welthits gespickten Vorgänger – einem in sich geschlossenen, opulenten Konzeptalbum – auf manche neue Songs reagierten. Beispielsweise „Revolution 9“, eine über achtminütige, teils chaotische Soundcollage. Oder die später vom mörderischen Sektenführer Charles Manson missbrauchte, enorm laute Hardrock-Pioniertat „Helter Skelter“; das frivole „Why Don’t We Do It In The Road?“; das ruppige „Yer Blues“; der eher alberne Kindersingsang „Ob-La-Di, Ob-La-Da“.

Doch das „Weiße Album“ enthält eben auch einige der schönsten Balladen der „Beatles“: „Julia“, „Dear Prudence“, „Martha My Dear“, George Harrisons Klassiker „While My Guitar Gently Weeps“. Andere Lieder marschieren Richtung Folk, Blues, Countrypop, Art-Rock oder gar Ragtime-Jazz („Honey Pie“). Auf Giles Martin wirkt das zunächst zerrissen klingende Großwerk daher heute „wie ein Gemälde von Jackson Pollock – ein Herumspritzen mit Ideen“. Dem deutschen „Rolling Stone“ sagte der Soundtüftler: „Sie spielten ohne Filter. Es war der absolute kreative Wahnsinn.“

Kurz vor Schluss

Vielleicht hätten die „Beatles“ nach dem „White Album“, das ungeachtet all seiner wilden Experimentierfreude und Sperrigkeit schnell weltweit Platz 1 der Albumcharts belegte, einfach mal sechs Monate Urlaub voneinander nehmen solle. Dann hätte die Band womöglich noch länger funktionieren können, mutmaßen Musikkenner. Die Geschichte ging aber bekanntlich anders aus: Nach „Yellow Submarine“ und „Abbey Road“ (beide von 1969) sowie „Let It Be“ (1970) war Schluss.

Werner Herpell

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