Die gebremste Revolution

Am 11. November 1918 endet mit der Kapitulation der Erste Weltkrieg. Kaiser Wilhelm II. dankt ab. Aus den innenpolitischen Unruhen entsteht die erste deutsche Demokratie.


Sie haben die Schnauze voll, es geht nicht mehr. „Für die verdammten Preußen und Großkapitalisten halte ich meinen Schädel nicht länger hin“, schreibt im August 1917 ein deutscher Soldat. Der Erste Weltkrieg geht ins vierte Jahr, das Gemetzel will kein Ende nehmen. Auch Anton Holzmann aus Däching im Schwäbischen hält es an der Somme in Nordfrankreich nicht mehr aus. „Hier gibt es nämlich keine Schützengräben mehr, sondern nur Granatloch an Granatloch“, berichtet er seinen Liebsten. Wie diese Männer wollen sich viele Deutsche nicht mehr für Gott und Kaiser abschlachten lassen.


Mehr als zwölf Monate wird sich das Blutvergießen da noch hinziehen, erneut werden Hunderttausende zwischen August 1917 und dem Waffenstillstand am 11. November 1918 sterben. Erst als Kaiser Wilhelm II. abdankt, schweigen die Waffen. Mit der Niederlage und der Novemberrevolution wird die Landkarte Europas neu geordnet.


Ohne es zu wollen, läutet General Erich Ludendorff die Revolution ein. Mit seinem Vorwurf, die Zivilisten – Sozialdemokraten und Spartakisten – hätten den deutschen Sieg vereitelt, legt Ludendorff die Grundlage für die sogenannte Dolchstoß-Legende. Er wird damit das politische Leben der Weimarer Republik nachhaltig vergiften. Auf diese Legende stützt Adolf Hitler seine Agitation gegen die erste deutsche Demokratie.


Zwar stimmt der Kaiser zunächst einigen Reformen zu, aber es hilft nichts: Seine Herrschaft fällt wie ein Kartenhaus zusammen. Im Land gärt es. Immer mehr Menschen spüren Hungersnot und Entbehrung.


Der revolutionäre Funke zündet zuerst an der Küste. Von Ende Oktober an meutert die Hochseeflotte in Wilhelmshaven und Kiel. Auf den Kampfschiffen der Kaiserlichen Kriegsmarine erleben die Matrosen soziale Ungleichheit und Willkür besonders deutlich. Nun weigern sie sich, eine letzte Schlacht gegen die Briten zu starten. Wie die Matrosen schließen sich Arbeiter und Soldaten zu Räten nach sowjetischem Vorbild zusammen. Rote Fahnen wehen, Barrikaden und Bewaffnete beherrschen die Straßen. Die Welle erreicht Berlin.


Die Ereignisse überstürzen sich. Noch am Morgen des 9. November überträgt Max von Baden, der letzte Kanzler von Kaisers Gnaden, sein Amt dem Vorsitzenden des Mehrheitsflügels der SPD, Friedrich Ebert. Um 14 Uhr ruft Philipp Scheidemann die Republik aus. „Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt“, soll der Sozialdemokrat von einem Balkon im Reichstag gerufen haben. „Das Alte, Morsche ist zusammengebrochen, der Militarismus ist erledigt, die Hohenzollern haben abgedankt.“ Kaum zwei Kilometer entfernt verkündet im Hof des Hohenzollern-Schlosses der Spartakist Karl Liebknecht die „freie sozialistische Republik Deutschland“.


Doch Eberts Mehrheits-SPD, kurz MSPD, ist nicht nach Revolution zumute. Sich abseits zu halten, scheint aber keine Alternative. Ebert schlägt den Radikalen von der Unabhängigen-SPD (USPD) vor, eine Regierung zu bilden. Am 10. November konstituiert sich der Rat der Volksbeauftragten, dem jeweils drei Vertreter beider Parteien angehören. Noch am selben Tag reist der Kaiser aus dem belgischen Spa ins benachbarte Holland und bittet um Asyl. Wilhelm wird Deutschland nie wieder betreten und 1941 im Exil sterben. Am 11. November unterschreibt Deutschland im französischen Compiègne die Kapitulation.


Die neue Regierung verspricht, für Ordnung zu sorgen. Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) ist begeistert: „Keine französische Wildheit, keine russisch-kommunistische Trunkenheit.“ Tatsächlich fährt in Berlin die Straßenbahn bald wieder regelmäßig, das Telefon funktioniert, auch die Gas-, Wasser- und Stromversorgung.


Wie es weitergehen soll – darüber hat die MSPD eine ungefähre Vorstellung: Die Kriegs- soll auf die Friedenswirtschaft umgestellt und Millionen Soldaten sollen demobilisiert werden. Die Räte werden durch eine frei gewählte Nationalversammlung ersetzt. Sorgen bereiten der SPD vor allem die Spartakisten. Karl Liebknecht und seine Mitstreiterin Rosa Luxemburg werden zu Hassfiguren. Sie schließen eine Zusammenarbeit mit den „Regierungssozialisten“ aus. Als am 21. Dezember der Räte-Kongress das Rätesystem als Grundlage der Verfassung ablehnt, kommt es zur Spaltung. Die Spartakisten gründen die Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).


Ebert sucht von Beginn an die Zusammenarbeit mit der Heeresleitung. Das Militär wird zur wichtigsten Ordnungsmacht. Der SPD-Militärexperte Gustav Noske lässt die neu formierten Freikorps in Berlin einmarschieren. Die Freiweilligen-Verbände drängen darauf, mit den Spartakisten abzurechnen. Ihnen fallen am 15. Januar 1919 Luxemburg und Liebknecht zum Opfer.


In den Folgemonaten konstituiert sich die Nationalversammlung in Weimar, um eine Verfassung zu entwerfen. Sie wählt Ebert zum Reichspräsidenten. Zwar schafft es die junge Republik, den Umriss einer liberalen Ordnung zu schaffen. Aber die alten Strukturen bleiben unangetastet. „Da regiert der Bürger in seiner übelsten Gestalt. Da regiert der Offizier alten Stils. Da regiert der Beamte des alten Regimes“, schreibt Autor Kurt Tucholsky 1920 in einer Betrachtung über die deutsche Provinz.


Die Opposition gegen das „System von Weimar“ wird die erste deutsche Demokratie aushöhlen. Dabei erlebt die Zeit die kulturelle Blüte einer sich öffnenden Gesellschaft. Doch Deutschland sei, befindet die britische Historikerin Miranda Carter, nach dem Kaiserreich ein Sorgenkind Europas geblieben. Esteban Engel

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