Verbandstrainer Christian Bauer über die Zukunft des Frauenfußballs

EDENKOBEN – Die Frauenfußball-WM daheim sollte 2011 den großen Aufschwung bringen. Sieben Jahre später sehen die Zahlen verheerend aus. Christian Bauer, Verbandstrainer für Frauen und Juniorinnen beim Südwestdeutschen Fußballverband, benennt Gründe und Herausforderungen.

Herr Bauer, wie entwickelt sich der weibliche Fußball zahlenmäßig?

Wir haben das generelle Problem, dass wir seit 2011 50 Prozent der Mädchen- und Frauenmannschaften verloren haben. Das hängt einerseits mit dem demografischen Wandel, andererseits mit der Konkurrenz durch andere Sportarten und Freizeitangebote zusammen. Bei den männlichen Fußballern merkt man das auch, wenn auch nicht so extrem wie im weiblichen Bereich. Wir haben 100 Mädchenmannschaften und 2800 Jungenmannschaften, das ist schon ein Riesen-Unterschied.

Hängt der Rückgang mit dem wieder abgeflachten Hype nach der Heim-WM 2011 zusammen?

Das wird wahrscheinlich so sein.

Die Heim-WM sollte, so hieß es, eine Initialzündung für den weiblichen Fußball in Deutschland sein. Sind daraus nachhaltige Strukturen erwachsen?

Es sind seitens des DFB und der Landesverbände Maßnahmen ergriffen worden. Man ruft immer wieder „Tage des Mädchenfußballs“ aus, versucht an den Schulen Mädchen zu gewinnen, die in die Vereine kommen. Das ist ein langfristiger Prozess.

Ist der Mädchenfußball auf dem Land angesichts des starken Rückgangs an Mannschaften überhaupt zukunftsfähig?

Mädchenfußball auf dem Land ist zukunftsfähig. Mir als Auswahltrainer ist es egal, wo die Mädchen spielen – Hauptsache, sie werden gut gefördert. Das Wichtigste ist, dass sie in ihren Altersbereichen qualifizierte Trainer haben.

Ist das in Rheinhessen gegeben?

In Rheinhessen ist das auch gegeben, klar. Nicht nur Schott Mainz oder Wörrstadt betreiben gute Mädchenarbeit, sondern auch andere Vereine wie Nieder-Olm/Ober-Olm, den SVW Mainz oder Gau-Odernheim. Auch vom SV Bechtolsheim und Wormatia Worms haben wir Auswahlspielerinnen.

Wie hat sich das Leistungsvermögen der Fußballerinnen im Südwesten in den letzten Jahren entwickelt?

Qualitativ sind die Anforderungen höher geworden, und sie halten dem auch Stand. Der Fußball generell hat sich verändert, es entstehen viel mehr Drucksituationen, man hat viel weniger Zeit, den Ball anzunehmen. Schnell sein alleine genügt heute nicht mehr, das Technische wird immer wichtiger.

Wo müsste man ansetzen, damit der Frauenfußball in Deutschland die alte Stärke auf internationaler Ebene entwickelt?

Andere Nationen haben Deutschland überholt. Ich glaube, dass man sich in Deutschland zu sehr darauf ausgeruht hat, was man erreicht hat. Da müssen jetzt Prozesse in Gang gesetzt werden wie bei den Männern im Jahr 2000, die einen Schub in Gang gesetzt haben.

Entfernt der Frauenfußball sich immer weiter vom Männerfußball oder nehmen die Schnittmengen zu?

Im Stützpunkt- und Leistungsbereich geht es schon dazu über, dass auch Mädchen an den DFB-Stützpunkten trainiert werden. Dadurch wird die Qualität der Mädels gesteigert.

Es gibt die Möglichkeit zu Zweitspielrechten bei Jungsmannschaften bis zur B-Jugend. Merkt man den Spielerinnen, die das wahrnehmen, Entwicklungsvorteile an?

Das ist individuell zu sehen, manchen Spielerinnen nutzt es, manche kommen mit dem höheren Tempo nicht zurecht.

Wie viele Scouts des Verbands sind im Südwesten unterwegs?

Wir haben beim SWFV vier Mädchenstützpunkte neben den zehn DFB-Stützpunkten. In Rheinhessen gibt es in Schwabsburg eine Mädchen-Fördergruppe, in der aktuell die Jahrgänge 2006 bis 2009 montags in zwei Trainingsgruppen gefördert werden. Einmal im Jahr gibt es eine dreitägige Sichtung in Edenkoben, bei der die besten Spielerinnen entweder zum DFB-Stützpunkt oder in die U12- oder U13-Auswahlmannschaft geschickt werden.

Bei den Jungs stellen die Nachwuchsleistungszentren das Gros der Auswahlspieler. Da kann man fast schon davon ausgehen, dass die Vereine selbst die Top-Talente scouten. Bei den Mädchen ist die Struktur wesentlich breiter gestreut. Macht das das Scouting schwieriger?

Ja, man muss mehr suchen, um die Talente zu finden. Aber auch bei den Jungs sind im unteren Bereich viele noch bei den kleineren Vereinen und werden erst am Stützpunkt von Mainz 05 oder Kaiserslautern gesichtet. Für die Mädels sind im Südwesten 15 Scouts unterwegs.

Gibt es gravierende Unterschiede darin, junge Fußballer und Fußballerinnen zu trainieren?

Ja, auf jeden Fall. Ein Junge weiß, was der Fußball wert ist, aber man muss ihm immer wieder sagen, dass es daneben noch andere Dinge gibt. Die Mädels wissen das.

Die Mädels sind realistischer, aber auch schwerer in Gang zu kriegen?

Genau.

Das Gespräch führte Torben Schröder.

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