„Der Karneval ist kulturlos geworden“: Burkhard Sondermeier über die fünfte

urkard Sondermeier (72) ist überregional bekannt geworden mit seinem Programm „Karneval einmal klassisch“. Über die fünfte Jahreszeit sprach Annette Schroeder mit dem Seelscheider Künstler.

Herr Sondermeier, was bedeutet der Elfte im Elften für Sie?

Ich mache an diesem Tag einen großen Bogen um Köln. In früheren Zeiten gehörte wie zu Ostern auch zu Weihnachten eine Fastenzeit. Am Ende standen die drei Lostage, deren letzter der 11. November war. Knechte und Mägde wurden ausgezahlt, man feierte die Sankt-Martini-Kirmes. Die Karnevalisten wählten diese Schnapszahl, um die Session einzuläuten. Danach war früher aber wieder Ruhe. Das ist heute anders.

Sind Sie Karnevalist?

Auf keinen Fall. Ich nehme vor dem normalen Karneval Reißaus. Der ist für mich fürchterlich.

Was ist daran so abschreckend?

Vom Ohrensessel aus liest Burkard Sondermeier bei „Karneval einmal klassisch“ dem Publikum vor.
Vom Ohrensessel aus liest Burkard Sondermeier bei „Karneval einmal klassisch“ dem Publikum vor.Foto:Lorber

Der Karneval ist kulturlos geworden. Er hat seine Unschuld in dem Moment verloren, in dem er mit dem Fernsehen ins Bett gegangen ist. Von da an gestalteten die Akteure auf der Bühne ihr Programm so, dass es fürs Fernsehen passend war. Sie gingen gar nicht mehr aus sich heraus, sondern markierten. Ich erinnere mich an die berühmte Prinzenproklamation 1962; die erste, die live im Schwarz-Weiß-Fernsehen übertragen wurde. Der Krätzchensänger Jupp Schmitz gab damals nicht im Anzug, wie von ihm erwartet, sondern in bayerischer Lederhose den „Hirtenknaben von St. Kathrein“. Er wurde ausgebuht, die Sendung war ein Desaster. Aber Jupp Schmitz hatte ein feines Gespür für das Authentische. Das findet man noch am ehesten auf Sitzungen im kleinen Rahmen, etwa im Pfarrsaal.

Sie sind ein kölscher Jung und müssten Karneval doch mit der Muttermilch aufgesogen haben.

Ja, ich war aber der Indianer und wurde von allen Freunden, die als Cowboys verkleidet waren, abgeknallt. Das machte nicht so viel Spaß. Und ich empfand schon als Kind, dass ein Karnevalszug sehr viel Traurigkeit birgt. Wenn die Wagen sich näherten, freute ich mich, wenn sie vorbeizogen und sich entfernten, löste das große Wehmut in mir aus. Diese Dimension der Vergänglichkeit, die ja im Aschermittwoch kulminiert, vermisse ich heute im Karneval.

Sie müssen auch schöne Erinnerungen haben, sonst hätten Sie kaum „Karneval einmal klassisch“ aus der Taufe gehoben. Welche sind das?

Der Duft der Mimosen, die bunten Tupfer der Konfetti, die vermischte Musik aus zahllosen Blaskapellen. Und die Mädchenaugen, die man niemals vergisst.

Wo lag die Keimzelle für Ihr Programm?

Es ist die Musik von Jacques Offenbach. Als Kind bin ich täglich sozusagen über ihn gestolpert, denn mein Schulweg führte an seinem Geburtshaus am Krummenbüchel vorbei.
Was hat Sie an Offenbach so fasziniert?
Dass seine Musik so wahrhaftig ist. Diese Leichtigkeit der Melodien, dieser Schalk aus den Kölner Gassen, den er mit nach Paris genommen hat. Wo dann diese unnachahmliche Melange entstand. Außerdem: In seinen Harmoniefolgen hat er den Jazz schon geahnt.

Wie kam es dann zum ersten „Karneval einmal klassisch“ im Jahr 2002?

Ich hatte im November davor mit sieben Musikern ein Programm mit dem Titel „Marche funèbre“ gestaltet, in Zusammenarbeit mit dem WDR. Danach fragte mich der Redakteur: Was haben Sie als nächstes vor? Meine spontane Antwort: Ich würde gern mal ein Karnevalsprogramm entwerfen, das einem einzigen Spaß machen soll, nämlich mir selbst. Das wurde dann vom WDR angefordert, und ich hatte zur Vorbereitung vier Monate Zeit. Nach dem Aschermittwoch hieß es aus dem Publikum: Das machst du nächstes Jahr wieder. Das Programm wurde dann zum Selbstläufer.

Wo finden Sie das Material für das Programm?

Man muss nur zugreifen, es gibt in Archiven und Bibliotheken jede Menge Lieder und Texte, das beginnt schon mit der Renaissance. Die wenigsten wissen zum Beispiel, dass Niccolo Macchiavelli und Lorenzo di Medici Verse zu den Maskenbällen in der Karnevalszeit schrieben. Etwa seit seit dem Jahr 1850 gibt es auch zahlreiche Komponisten, die wunderschöne Karnevalsopern geschrieben haben – darunter Jacques Offenbach mit „La Jolie parfumeuse“. Die Originalpartitur besitzt das Opernhaus in Lissabon. Ich habe angefragt, ob sie mir eine Kopie schicken. Als ich nach zwei Wochen aus dem Urlaub zurückkehrte, stand ein Paket vor der Tür – darin war das Original von Offenbach!

Ihr nächstes Programm heißt „Karneval noch einmal klassisch“, das klingt nach Abschied.

So ist es. Ich will nicht ewig in die Karnevalsschublade geworfen werden. Das Programm in nächsten Jahr zum 200. Geburtstag des Kölner Genies mache ich mit der Camarata. Im Jahr darauf möchte ich mit dem Pianisten Igor Kirillov „Karneval einmal klassisch“ im kleinen Format gestalten. Es gibt zum Beispiel Büttenreden von Fritz Heidegger, dem Bruder des Philosophen, der im Gegensatz zu Martin Heidegger Position gegen den Nationalsozialismus bezogen hat. Solche Texte passen nicht in ein opulentes Programm, sondern in ein intimes Format. Außerdem habe ich noch neue Ideen für andere Programme.

Welche?

Ich konzipiere zum Beispiel gerade eine mahnende Revue zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Außerdem übersetze ich aus dem Flämischen den Roman „Het Tankschip“ des Belgiers Willem Elsschot, dessen lakonischen Stil ich sehr schätze. Eine Entdeckung, denn der Autor ist hierzulande fast unbekannt. Auch dazu plane ich einen Abend.

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