"Eine Totalisierung der Gewalt"

Millionen Tote, Verwundete, Witwen, Waisen – vor hundert Jahren endete der Erste Weltkrieg. Historiker blicken aus deutscher und französischer Sicht auf die Katastrophe.

Hundert Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs blicken die Historiker Jörn Leonhard aus deutscher und Nicolas Offenstadt aus französischer Sicht zurück: Was bedeutete der Krieg für Frankreich und Deutschland?

Am 11. November 1918 unterzeichneten deutsche und alliierte Offiziere in einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne bei Paris einen Waffenstillstand und beendeten damit den Ersten Weltkrieg. Die verheerende Bilanz waren mehr als acht Millionen tote Soldaten und über 21 Millionen Verwundete.

Die Historiker Jörn Leonhard und Nicolas Offenstadt sprechen im ZDF-Interview über den Krieg – aus deutscher und französischer Sicht.

ZDF: Was bedeutet der 11. November für Frankreich und Deutschland?

Jörn Leonhard: Ich glaube, dass in Deutschland der 9. November, also das Revolutionsdatum in Berlin und der 11. November sehr eng zusammenhängen und für viele Deutsche ist der 11. November, also der Waffenstillstand, ein bisschen im Schatten der Revolution geblieben.

Nicolas Offenstadt: In Frankreich ist die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg noch sehr lebendig, das wird nicht von der Politik vorgegeben. Für die meisten ist der Krieg etwas sehr Persönliches, etwas, das die Groß- und Urgroßeltern erlebt haben.

ZDF: Wurden Tabus gebrochen?

Leonhard: Der Erste Weltkrieg bedeutet einen Tabubruch in vieler Hinsicht – denken wir nur an die Entwicklung des Giftgas-Krieges. Es ist eine Totalisierung von Gewalt und es ist eine Verdichtung von ungeheurer Gewalt auf kleinem Raum.

Offenstadt: In Frankreich gibt es die Überzeugung, die zum Teil falsch ist, dass dieser Krieg ein guter Kampf war. Es war legitim ihn zu führen, weil die Franzosen geeint waren und solidarisch. Sie alle kämpften für eine noble Sache.

ZDF: Wie hat die Zivilbevölkerung den Krieg erlebt?

Leonhard: Es gibt diese Vorstellung, das muss der letzte Krieg gewesen sein und die Nachkriegsordnung, die neue Friedensordnung muss eine sein, die den Krieg und das Prinzip des Krieges ein für allemal beendet. Deshalb diese Hoffnungen auf den neuen Völkerbund, deshalb die Hoffnungen auf die neue Friedensordnung.

Offenstadt: Man wollte nicht in die Schützengräben zurück, nicht mehr kämpfen. Es mag paradox klingen, weil ja der Zweite Weltkrieg folgte, aber diese Ablehnung des Krieges hat das Jahrhundert tief geprägt.

ZDF: Gab es wirklich einen Sieger?

Leonhard: Ich glaube, dass der Krieg in vieler Hinsicht politische Sieger hat. Aber wenn man sich die politischen Sieger wie Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Frankreich ansieht, sieht man doch auch, wie enorm das Bewusstsein in diesen Siegernationen war, welche enormen Opfer man selbst gebracht hat. Und zugespitzt formuliert könnte man sagen: Dieser Krieg hat wenige Sieger gehabt, weil auch der Sieg an vielen Stellen prekär wirkt.

Offenstadt: Sieger und Besiegte empfanden die gleiche Trauer. Beide Seiten haben große Verluste erlitten. Der Krieg – das sind zehn Millionen Tote, aber das sind auch Amputierte, Soldaten, die verrückt geworden sind und Millionen Witwen und Waisen.

Die Interviews führten Christel Haas und Conny Hermann.

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