Das Finale der Schande

Im Bus. Wieder im Bus. Mittwochnachts fuhr das Vehikel des Klubs Atlético Boca Juniors durch eine aufgeheizte Menschenmenge in Buenos Aires. Nur dass sich in dieser nicht Steine schmeißende Fans des Erzrivalen River Plate befanden. Sondern die eigenen Anhänger, die ein Spalier auf dem Weg zum Flughafen bildeten und den Bus teilweise minutenlang zum Stoppen brachten. Auch Steine flogen wieder – gegen die Polizei, die mit Tricks die Fans von der Stadtautobahn fernzuhalten versuchte.

Wer dachte, die skandalumwitterte Absage des Finalrückspiels um die Copa Libertadores am vorvergangenen Samstag hätte für ein gewisses Innehalten gesorgt, sieht sich also eines Besseren belehrt. Weil „der Fußball nicht stillstehen darf“ (Fifa-Präsident Gianni Infantino), tut es der Fanatismus ebenso wenig. Auch wenn am Sonntagabend einen Ozean entfernt von Buenos Aires gespielt wird, in Real Madrids Estadio Santiago Bernabéu.

Einen knappen Monat nach dem Hinspiel in Bocas Bombonera (2:2) soll an ungewohntem Ort die Entscheidung fallen in diesem endlosen Finale, das nicht nur Boca-Trainer Guillermo Barros Schelotto „den Kopf schmerzen“ lässt („Seit 60 Tagen bereite ich es vor“), sondern die Nerven aller Beteiligten an die Grenzen des Erträglichen strapaziert.

Ultras erhalten Reiseerlaubnis

Mit Schrecken registrierten nun die improvisierten Gastgeber, dass die berüchtigsten Ultra-Capos beider Klubs eine Reiseerlaubnis erhalten haben. So kennt mittlerweile halb Spanien den Namen und das Gesicht von Rafael di Zeo, grauhaariger Anführer von Bocas „La Doce“ (Deutsch: Die Zwölf). Die Eingeweihten wissen auch, dass die Gruppe ein florierendes Business als „Harvard“ (di Zeo) für europäische Radikale betrieb. An dieser Universität lernt man, wie man einen Verein unterwandert.

Zu den eifrigsten Studenten zählten die rechtsextremen Ultras Sur von Real Madrid. Sie lernten so gut, dass sie von Real-Präsident Florentino Pérez aus dem Stadion geworfen wurden und er seither massiv bedroht wird. Aufgelöst haben sie sich keineswegs, und auch die River-Fans kennen mit den linken Bukaneros von Rayo Vallecano einen polizeibekannten Partner in der Stadt.

Beide Mannschaften sind mittlerweile in Madrid eingetroffen, empfangen von wenigen spanischen Fanklubs. Die Ruhe vor dem Sturm? Wenn überhaupt möglich, ist die Stimmung noch aufgeladener als beim gescheiterten Rückspiel in Rivers Monumental, denn zur Deeskalation hat niemand etwas unternommen. „Sehr angespannt“, nennt Boca-Präsident Daniel Angelici das Verhältnis der beiden Führungsetagen. Boca wollte den Sieg partout am grünen Tisch bekommen, die entsprechende Klage läuft weiterhin. River, das Bocas Wunsch nach Verlegung am Tag der Randale unterstützte, fühlt sich verraten.

Entscheidung sorgt für Spott

Und der südamerikanische Verband Conmebol brüskierte einen ganzen Kontinent, indem er dessen wichtigstes Spiel trotz etlicher Angebote aus Nachbarländern ausgerechnet und wohl aus kommerziellen Gründen nach Madrid verlegte. Aus der „Libertadores“ – benannt nach den Befreiungskämpfern gegen den spanischen Kolonialismus – wurde, so Spötter, die „Copa Conquistadores“: der Pokal der Eroberer. Zur Ironie gehört, dass sich just am Spieltag die Entscheidungsschlacht von Ayacucho jährt, die einst zur Kapitulation der Spanier führte.

Nach Fan-Krawallen in Argentinien - Copa Libertadores

Daniel Angelici, Präsident der Boca Juniors, kritisiert die Austragung des Spiels in der spanischen Hauptstadt scharf

Quelle: dpa/Jorge Saenz

„Wir waren nur ein paar Blöcke entfernt, jetzt mussten wir elf Stunden fliegen“, klagt Angelici. Beim Heimspiel von River am Wochenende gegen Gimnasia stellten sich die Fans auf den normalen Tribünen nicht nur gegen die eigenen Ultras, sondern auch gegen die Conmebol. „Unsere Leidenschaft ist euer Geschäft“, verkündete ein Transparent, den „größten Betrug der Fußballgeschichte“ ein anderes. Die Conmebol hat seit Jahr, Tag und etlichen Skandalen einen miserablen Ruf. „Plage des Fußballs“, nannte sie Diego Maradona gerade wieder. River-Trainer Marcelo Gallardo nennt die Entscheidung für Madrid „absurd“ und vermutet: „Man wird darauf eines Tages wohl als eine totale Schande zurückblicken.“

In den dramatischen Stunden zwischen Busattacke und Spielabsage im Monumental sollte die Show noch unbedingt durchgepeitscht werden. Óscar Ruggeri, Weltmeister von 1986, berichtete später nach einem Telefonat mit Boca-Star Carlos Tévez, die Conmebol-Ärzte seien mit Spritzen in der Hand in die Kabine gekommen und hätten die angeschlagenen Profis aufgefordert, sich Cortison zu injizieren. Auf Tévez’ Hinweis, dass man damit gegen die Antidopingrichtlinien verstoße, hätten die nur gesagt: „Sorgt euch nicht, mit dem Doping wird es keine Probleme geben.“

5000 Polizisten sollen für Sicherheit sorgen

Während die Verschwörungstheorien florieren, schwankt Madrid zwischen Neugierde und Nervosität. Der lokale Unternehmerverband spricht von 42 Millionen Euro Nutzen für Hotels, Gastronomen und Image, derweil sich Pérez, Fußballverbandpräsident Luis Rubiales und die Politik, so alles gut geht, für einen PR-Coup feiern lassen können.

Aus Polizeikreisen heißt es indes, die Stadt stehe vor dem riskantesten Fußballspiel ihrer Geschichte. Bis zu 5000 Sicherheitskräfte – darunter auch argentinische Polizisten – sind veranschlagt. Wo die Einsatzplanung für Großereignisse sonst mehrere Monate im Voraus beginnt, war diesmal nur gut eine Woche Zeit. Außerdem sind die Eintrittskarten nicht personalisiert. Niemand weiß also, wer am Sonntag wirklich kommt.

50.000 Tickets wurden über die Internetseite der Conmebol frei verkauft, mit einer Sperre für den Zugriff aus Argentinien. Dort wurden nur je 5000 Billetts an die beiden Vereine verteilt. Rund 8000 gingen an Mitglieder von Real Madrid, etliche davon kursieren längst auf dem Schwarzmarkt. Die billigste Karte im Bernabéu kostet mit 80 Euro so viel wie bei den Spielen in Buenos Aires das teuerste. In Spanien leben knapp 300.000 Argentinier, die größte Kolonie außerhalb der Heimat. Auch ihr prominentester Vertreter, Lionel Messi, hat seine Präsenz angekündigt.

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Die Straßen rund um das Santiago Bernabeu in Madrid werden am Sonntag von der spanischen Polizei aufgeteilt. Im Norden die River-Fans, im Süden die Anhänger Bocas

Quelle: AFP/GERARD JULIEN

In Madrid wird es geben, was in Argentinien seit Jahren – mit Ausnahme weniger Pokalfinals – verboten ist: Fans beider Mannschaften beim selben Spiel. Ab neun Uhr morgens soll der Paseo de la Castellana – der so lange wie breite Boulevard, an dem das Bernabéu liegt – gesperrt und aufgeteilt werden: River-Fans im Norden des Stadions, Boca im Süden, dazwischen drei Sicherheitsringe. Das Stadion soll erst 90 Minuten vor Spielbeginn geöffnet werden, damit die Fans dort möglichst wenig Zeit zum Aufeinandertreffen haben. Idealerweise sollen sich alle Boca-Sympathisanten in und um die Südtribüne des Stadions sammeln, die von River in und um die Nordtribüne.

„Hoffentlich kann ein Stadion mit dieser Geschichte zu einem versöhnlichen Ende dieses komplizierten Finals beitragen“, sagt Santiago Solari, argentinischer Trainer von Real Madrid. Der ehemalige River-Profi weiß, dass die Vorfälle und die Entscheidung zur Verlegung nach Spanien „viele Herzen gebrochen haben“. Im Hinblick auf die Partie geht es ihm wie vielen: „Für mich hat sie an Bedeutung verloren.“

Was bringt ein Finale, dessen morbider Reiz vor allem in seiner Außerordentlichkeit besteht? Die Verlierer sind nicht nur die River-Fans, denen eine junge Frau in den sozialen Netzwerken eine kraftvolle Stimme gab, als sie zu einem Foto ihrer Eintrittskarte für das Rückspiel im Monumental schrieb: „Dich als Champion gegen deinen ewigen Rivalen zu sehen sollte einzigartig werden. Ich war zehn Stunden vorher da, setzte mich hin, sang, benahm mich und genoss es, wie Tausende andere. Heute bist du nichts mehr wert. Mein Traum wurde nach Europa verkauft“.