Gewaltbereitschaft bei Obdachlosen wächst

Berlin (dpa)
Die Berliner Stadtmission beobachtet unter Berlins Obdachlosen eine wachsende Tendenz zu mehr Gewaltbereitschaft. „Dabei geht es um Aggressivität untereinander, aber auch gegen Helfer“, sagte Sprecherin Ortrud Wohlwend. „Es bleiben Ausnahmen inmitten einer großen Friedfertigkeit. Aber die Zahl dieser Ausnahmen nimmt spürbar zu.“

Ein ähnliches gespaltenes Bild zeige sich auch in der Bevölkerung. „Es gibt auf der einen Seite eine riesengroße Hilfsbereitschaft“, berichtet Wohlwend. Viele Bürger riefen zum Beispiel nachts den Kältebus an, weil sie Obdachlose auf der Straße schlafen sehen. „Aber auf der anderen Seite kommt es zu Beschimpfungen ohne jede Hemmschwelle“, berichtet sie. Das sei in dieser Dimension ebenfalls neu.

Dabei beleidigten einzelne Bürger nicht nur Obdachlose, die in gutbürgerlichen Vierteln vor einer Notunterkunft warteten. Anonyme Anrufer ließen sich auch Helfern gegenüber völlig gehen. Dann fielen Sätze wie: „Haltet eure Affen unter Kontrolle.“ Oft geschehe das unter dem Motto: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. „Wenn hasserfüllte Sprache offensichtlich “normal” erscheint, wird sie auch genau so genutzt“, sagte Wohlwend. Das sei ein Effekt von Populismus.

Bisher waren die vier Notübernachtungen der Stadtmission gut ausgelastet. In kalten Nächten kam es aber bereits zu Überbelegungen. Abgewiesen wird dann trotzdem niemand. Insgesamt gibt es in Berlin zur Zeit rund 900 Schlafplätze. Die Zahl soll im Winter auf mehr als 1000 steigen.

Wenn zehn bis zwölf fremde Menschen in einem Raum übernachten müssten, grenze es immer noch an ein Wunder, dass es dabei so friedlich zugehe, betonte Wohlwend. Dennoch nähmen Auseinandersetzungen zu. „Es gibt mehr Obdachlose als früher, die verhaltensauffällig und auch gewaltbereit sind. Wie eine andere Ausprägung von Wutbürgern.“

Auch verschiedene Ethnien gerieten manchmal in Streit – Ausländer gegen Ausländer. „Es geht dann oft darum, wer die vermeintlich bessere Nationalität hat oder einfach körperlich stärker ist.“ Auf Hausverweise reagierten Obdachlose inzwischen mitunter aggressiv. Das Sicherheitspersonal sei auf solche Reaktionen geschult. „Es sind Ausnahmen, aber das Frieden-Halten wird eindeutig schwieriger“, bilanzierte Wohlwend.

Dem gegenüber stehe die große Dankbarkeit von Obdachlosen, die zum Beispiel von Kältebus-Fahrern mit heißem Tee versorgt würden. Manche Menschen lebten seit mehr als zehn Jahren an ihrem Stammplatz – draußen. „Sie freuen sich einfach, wenn jemand kommt und nachschaut.“

Die durchgehende Öffnung der U-Bahnhöfe Moritzplatz und Lichtenberg wird von Obdachlosen angenommen. Bisher kämen noch weniger als zehn Menschen pro Nacht, sagte ein Sprecher. Mit kälteren Nächten könnte sich das schnell ändern. „Bisher war alles friedlich“, ergänzte er. Auch zwei Berliner Clubs wollen im Januar und Februar an ihren Schließtagen Feldbetten für Obdachlose anbieten. Es sei das erste Mal, dass es ein solch ungewöhnliches Hilfsangebot gebe, sagte Robert Veltmann, Geschäftsführer des sozialen Trägers Gebewo. „Wir freuen uns. Das ist nicht selbstverständlich.“