Hausbesetzer kündigen weitere Aktionen auf Pressekonferenz an


Aktivisten besetzen seit den frühen Morgenstunden ein Haus in der Guntramstraße im Stühlinger. Am frühen Nachmittag kündigten sie an, die Aktion sei der Anfang einer ganzen Reihe von Besetzungen.

Seit 5.30 Uhr ist die Guntramstraße 44 besetzt – Aktivistinnen und Aktivisten wollen nach eigenen Angaben so ein Zeichen gegen “horrende Mieten, Gentrifizierung und Verdrängung” setzen. Am frühen Nachmittag kündigten sie an, die Aktion sei der Anfang einer ganzen Reihe von Besetzungen. Die ersten Stadträte haben sich mit ihnen solidarisiert. Finanzbürgermeister Stefan Breiter machte sich vor Ort ein Bild von der Lage.
“Das Haus in der Guntramstraße ist nur ein Beispiel für Gentrifizierung und Verdrängung”, hieß es am frühen Nachmittag auf einer Pressekonferenz in dem besetzten Haus. Mehrere Aktivistinnen und Aktivisten kündigten an, dass dies der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Besetzungen im Stadtgebiet sein werde – “ob wir geräumt werden oder nicht”. Die Stadtverwaltung sei nicht in der Lage, der Verdrängung von Mietern Einhalt zu gebieten, hieß es.

Finanzbürgermeister Breiter vor Ort

Kurz zuvor war Finanzbürgermeister Stefan Breiter in die Guntramstraße gekommen, um mit den Hausbesetzern zu sprechen. “Es ist natürlich schwierig, wenn das Recht des Eigentümers verletzt wird”, so Breiter. “Ihre politische Botschaft ist jedenfalls angekommen.” Auch SPD-Stadtrat Walter Krögner und Stadtrat Sergio Schmidt von Junges Freiburg/Die Partei/Grüne Alternative (JPG) waren vor Ort. Ihre Haltung zur Besetzung ist eindeutig: “Ich möchte mich bedanken für diese Aktion, das ist schon seit Jahren überfällig”, so Walter Krögner. Und Sergio Schmidt meinte: “In der Wohnungspolitik funktioniert unser System nicht mehr. Deshalb ist es die richtige Entscheidung, Häuser zu besetzen und sich zu wehren.”

Auf Einladung der Besetzer erzählten dann gekündigte Mieter, wie sie im Laufe der Jahre gegen ihre Kündigung gekämpft hatten und gescheitert waren. “Niemand hilft einem, ich bin fassungslos”, sagte ein junger Familienvater, der mit Frau und zwei kleinen Kindern aus dem Haus in der Guntramstraße ausziehen musste, in dem er aufgewachsen war und 30 Jahre lang gelebt hatte. “Hätte mir der Mieterbund nicht geholfen, hätte ich mich nicht wehren können.”

Der Besitzer hatte Eigenbedarf geltend gemacht und will mit seiner Familie in dem fünfstöckigen Mehrfamilienhaus leben. “Wir hatten selbst an so eine Aktion gedacht, waren aber mit Arbeit, Familie und Wohnungssuche nicht dazu in der Lage”, so eine andere ehemalige Mieterin, die sich bei den Hausbesetzern bedankte.

Die Polizei bewertet nach eigenen Angaben zurzeit die Lage: “Strafbares Handeln werden wir nicht dulden”, so Pressesprecher Martin Lamprecht.

Rückblick: So verlief der Vormittag in der Guntramstraße

Die Situation vor Ort ist am Vormittag gegen 11.30 Uhr ruhig, fast schon entspannt: Einen Tisch mit Kleinigkeiten zum Essen und Trinken haben die Hausbesetzer neben der Haustüre eingerichtet. Vor dem Haus sind gut 30 Menschen, bei denen nicht zu unterscheiden ist, wer zu den Hausbesetzern gehört und wer spontan vor Ort ist. Im Haus halten sich zudem gut ein Dutzend Personen auf.

“Über 20 Personen sind an der Aktion beteiligt”, sagt eine Besetzerin, die sich selbst Cory nennt und 25 Jahre alt ist. Sie verteilt auf der Straße Flyer und erzählt, dass bereits einige Anwohnerinnen und Anwohnern vorbeigekommen seien. “Einige meinten zu mir: Endlich macht jemand was, und darauf haben wir gewartet”, sagt sie der Badischen Zeitung. Auch Bürgermeister Ulrich von Kirchbach sei vor Ort gewesen, sagt sie.

“Wir haben noch weitere Objekte im Visier.” Aktivistin Cory

“Wir haben noch weitere Objekte im Visier”, sagt die 25-Jährige zu den weiteren Plänen der Aktivistinnen und Aktivisten, die sich “WG” (Wohnraum Gestalten) nennen. Sie fordern Gestaltungsmöglichkeiten mit Blick auf die Wohnraumsituation in Freiburg, ähnlich wie beim Bürgerentscheid über das geplante Stadtviertel auf dem Dietenbachgebiet. “Es ist nicht entscheidend, wie viel gebaut wird, sondern wer baut und wie gebaut wird”, sagt Cory. Es könne nicht sein, dass Mieten weiter steigen, gleichzeitig aber Häuser leer stünden, renoviert würden und eine ungleiche Verteilung herrsche.

Auch die neuen Eigentümer des Hauses sind vor Ort, die Familie mit drei Kindern ist aus Zürich angereist. Im Treppenhaus kommt es zum Dialog zwischen beiden Seiten, es werden gegenseitige Vorwürfe gemacht, aber auch sachlich miteinander geredet. Das Ärztepaar fühlt sich ungerecht behandelt, sie seien in eine Schublade gesteckt worden, ohne dass es einen Dialog gegeben habe, ohne dass mit ihnen geredet worden wäre.

“Es ist zu emotional momentan.” Hauseigentümer

Mit der Badischen Zeitung wollen sie nicht reden, “es ist zu emotional momentan”, sagen sie. Ein erster Dialogversuch eine knappe halbe Stunde vorher scheiterte zwischen Besetzern und Eigentümern im Treppenhaus, weil sich die Aktivisten entweder nicht namentlich zu erkennen geben wollten, oder aber vermummt waren. Der Eigentümer versuchte die Vermummung eines Aktivsten von dessen Gesicht zu entfernen – man spürt, dass die Situation auf beiden Seiten angespannt zu sein scheint. Das Eigentümer-Ehepaar versucht Missverständnisse aus der Welt zu schaffen und verdeutlicht, dass es tatsächlich vorhabe, das Haus für die eigene Familie zu nutzen.

Auf die Frage eines Aktivisten, ob der Hinterhof bebaut werde, entgegnet der Eigentümer, dass dies tatsächlich in Planung gewesen sei, er davon aber Abstand genommen habe. Ein Aktivist meint darauf hin: “Die Nachbarn haben hier Angst, dass ihnen in den Hinterhof ein Klotz gesetzt wird – das hätte man doch kommunizieren können.” Diese Vorwurf möchte der Eigentümer nicht gelten lassen, er verweist seinerseits darauf hin, dass Kontaktdaten an die Mieter zukommen lassen habe. Die Diskussion geht in diesem Modus noch eine gute halbe Stunde weiter.

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