Schlechtes Vorbild, großer Poet

Heute vor 75 Jahren, an einem Mittwoch, wurde der Sänger und Charismatiker James Morrison in Florida geboren, genannt Jim, und gut 27 Jahre später, an einem Samstag im Juli, starb er. An beide Ereignisse wird regelmäßig erinnert, hier zuletzt vor fünf Jahren, denn Mr. Morrisons Wirken erlebte die musikinteressierte Welt als segensreich, sein Ableben als herben Verlust.

Das lässt sich an Songs wie „Light My Fire“, „Break On Through (To the Other Side)“ oder auch „The End“ festmachen, die in dieser Reihenfolge sehr schön den Lauf des Lebens abbildeten, wären sie chronologisch in gewissen Abständen voneinander entstanden. Sind sie aber nicht. Alle drei befinden sich auf dem 1967er Debütalbum der Band The Doors, die ohne Jim Morrison vermutlich nie geworden wäre, was sie war. Lange nach diesem Debüt folgte „Riders On the Storm“ (1971), der letzte Track des letzten Doors-Albums vor Morrisons mysteriösem Tod (nicht obduziert, bis nach der Beerdigung verheimlicht). Prinzipiell kann man in jeden Doors-Titel alles hineininterpretieren, was man möchte. Oder einfach staunen: „Riders on the storm/Into this house we’re born/Into this world we’re thrown/Like a dog without a bone/An actor out on loan.“ 

Morrison sah sich eigentlich als Dichter, als Literat. Als er plötzlich der Sänger mit dem ungewöhnlichen Bariton war, der Poet am Mikrofon, das Sexsymbol – als er unversehens im Rampenlicht stand, wurde er der Mann, der sich und sein Publikum auf der Bühne ausprobierte bis hin zum Anzetteln einer Saalrevolte. 

Die große Revolte tobte ja ohnehin drumherum. Er hatte jede Menge Ärger mit der Polizei, er soff wie ein Loch, er kokste, er entblößte sich auf der Bühne. Er taugte als schlechtes Vorbild für alle, die es in der Realität nicht aushielten, und wenn sie bedauerlicherweise nicht berühmt genug waren, dann konnten sie schon mal daran zugrunde gehen, ohne dass es die Welt mitbekam. 

Besonders blöd war sein jäher Abgang für die übrigen Doors. Einst angetreten, „um den Wahnsinn in Vietnam zu stoppen“, wie der 2013 verstorbene Keyboarder Ray Manzarek einmal erklärte, standen sie nun vor den Trümmern ihres auf den gottgleichen Sänger zentrierten Spielsystems wie eine Fußballmannschaft, deren Wunderstürmer den Verein verlassen hat. Zwei Jahre machten Manzarek, Gitarrist Robby Krieger und Schlagzeuger John Densmore weiter, gaben im neuen Jahrtausend ein Comeback (ohne Densmore), aber es fehlte die angemessene Aufmerksamkeit des Publikums gegenüber jenen, die immerhin die Komponisten des einstigen Ruhms waren. Wie sagt man: The singer, not the song. 

Und wenn Jimmy, wie Elvis, noch lebt? Als Automechaniker irgendwo, als Whiskeyvertreter? Oder als Gitarrist der Rolling Stones? Dazu demnächst mehr. 

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