Wenn Drohnen killen

Der Krieg als Täter im “Tatort” : Wenn Drohnen killen

Der „Tatort: Vom Himmel hoch“ in Ludwigshafen verbindet Polizeiarbeit mit Politik.

Bedingt abwehrbereit. Das Ermittlerteam Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, rechts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) in Ludwigshafen muss lernen, dass die Gefahr für Leib und Leben auch von oben kommen kann. Foto: SWR

Bedingt abwehrbereit. Das Ermittlerteam Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, rechts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) in Ludwigshafen…Foto: dpa

Das ist jetzt nicht fiktiv und schon gar kein Fake. Die Ramstein Air Base in der Nähe von Kaiserslautern ist das Hauptquartier der US-Luftwaffe in Europa. Dort werden Planung und Steuerung der Kampfdrohnen-Einsätze gegen mutmaßliche Terroristen im Irak, Jemen, in Afghanistan, Somalia und Pakistan koordiniert. Der „Tatort: Vom Himmel hoch“ von Autor und Regisseur Tom Bohn nimmt das Faktum auf und bringt es in eine doppelte Perspektive. Da ist Mirhat Rojan (Cuco Wallraff), der bei einem US-Drohnenangriff im Irak seine beiden Kinder verloren hat. Der Kurde lebt mittlerweile bei seinem Bruder Martin (Diego Wallraff) in Ludwigshafen, ist polizeibekannt, weil er mit öffentlichen Aktionen auf sein Schicksal aufmerksam machen wollte. Wut, Rache, Frust, eine Menge ist bei Mirhat Rojan zusammengekommen.

Was auch für Heather Miller (Lena Drieschner) gilt. Die US-Soldatin war als sogenannter „Screener“ im Drohnenkrieg eingesetzt und arbeitet, weil sie Depressionen bekam, jetzt als Ordonnanzoffizierin. Und sie war Patientin des Psychiaters Steinfeld, der sowohl zivile Opfer von kriegerischen Auseinandersetzungen als auch traumatisierte Militärangehörige der US Air Base in Ramstein behandelt. Dr. Steinfeld ist tot, erschlagen in seiner Praxis. Das ruft die Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) auf den Plan. Sie müssen, wie sich schnell herauskristallisiert, nicht nur einen Mord aufklären, sondern auch einen Aufschlag verhindern. Jason O’Connor (Peter Gilbert Cotton), Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium, wird in Deutschland erwartet. Der Zuschauer hört die Uhr an der Wand im Kommissariat laut ticken.

Dieser Zeitdruck verhindert auch, dass der „Tatort: Vom Himmel hoch“ dramaturgisch über die Maßen kompliziert ist. Er hat einen klaren Fokus, nämlich den Drohnenanschlag auf den US-Politiker, wobei nur eine Zeit lang unklar ist, ob auch der Mord am Psychiater und an Heather Miller ins Geschehen eingebunden sind. Autor Bohn hat einen Spannungskanal gelegt, der alle Akteure und den Zuschauer in sich einsaugt. Grübelmomente inklusive: Wie grausam ist moderne Kriegsführung, wie eng liegen Täter- und Opferrollen zusammen? Bohn sagt im Presseheft: „Der Krieg ist der größte Feind der menschlichen Seele. Er ist der eigentliche Täter.“ Dieser Krimi will auch politisch sein, zeigen, dass die Außenpolitik der US-Administration die deutsche Öffentlichkeit wieder näher an Fragen von Militär und Krieg und Kriegsführung heranführt.

Mehr als nur Aktion und Fahndung

Der „Tatort“ ist darüber kein Thesenfilm oder Debattenbeitrag geworden, wenn auch die spannungs- und zeitgetriebene Fahndung und Aktion nicht nur der Mordaufklärung und Verhinderung eines Anschlags dienen.


Regisseur Bohn weiß, was Autor Bohn will, der Autor weiß, was der Regisseur braucht. Die Figuren werden – quasi drohnenmäßig – ausgesteuert, die allerfeinste Charakterisierung unterbleibt. Sie müssen im Sinne des Anspruchs und der Aussage des Krimis funktionieren. Einzig Lena Drieschner als Heather Miller – und natürlich Ulrike Folkerts/Lisa Bitter – ist es möglich, aus dem Darstellerinnen- ins Schauspielfach zu wechseln. Gerade Folkerts wird zugestanden, nach dem Abgang vom Kollegen/Freund Mario Kopper wieder zu rebellischer Form zurückzufinden, in eigener Emanzipation eigenen Überzeugungen zu folgen. Das Sperrige am Folkerts-Stil hat hier seine Berechtigung. Erkennbar wird, dass das stets schwierige Verhältnis zu Johanna Stern sich normalisieren wird. Wobei Lisa Bitter ihre Polizistin in Erscheinung und Auftritt weiter kontrastieren sollte. Eine zweite Lena Odenthal wäre eine Odenthal zu viel im SWR-„Tatort“.

Mehr zum Thema

Das Binnenverhältnis der Kommissarinnen trägt den Krimi mit. Odenthal streichelt das Fiat-Modellauto vom Ex-Kollegen Kopper, ehe sie von Stern in die Arme genommen wird. Die Sequenz aus dem nie gedrehten Softporno „Zärtliche Kolleginnen“ wird sich am Ende wiederholen. Aber diese bitteren Tränen der Lena Odenthal haben gar nichts mit missglückten Beziehungen zu tun.

„Tatort: Vom Himmel hoch“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

Autor