Zwischen Magie und Realität: Auf den Spuren von Harry Potter im verschneiten

Es ist ein Gänsehaut-Moment, als die Kinoleinwand hochfährt und den Blick auf eine mächtige Holz-Tür freigibt. An den Wänden daneben hängen menschengrosse Rüstungen. Tapfere Krieger, die zum Leben erwachen, wenn Eindringlinge vor den Toren Hogwarts stehen. Doch heute droht keine Gefahr: Ein erwartungsvolles Raunen geht durch den Saal. Hier sind wir alle wieder elfjährige Jungen und Mädchen. Aufgeregt darauf wartend, wie einst Harry Potter zum ersten Mal die Grosse Halle der Schule für Hexerei und Zauberei zu betreten.

Es ist das erste von rund zehn Original-Sets aus der Filmreihe, das Besucher auf dem Studiorundgang «The Making of Harry Potter» von Warner Bros. entdecken können. Im rund 80 Hektar grossen Studiokomplex in Leavesden – 32 Kilometer nordwestlich von London – erhalten wir einen Einblick in die Dreharbeiten und können neben den Sets auch eine reiche Auswahl an ehemaligen Kulissen und Kostümen bestaunen. Besonders schön: In dieser besinnlichen Zeit ist das Schloss unter dem Motto «Hogwarts in the Snow» in Schnee gehüllt. Weihnachtszauber liegt in der Luft. 

«Welcome to Hogwarts!»Eindrücke von der magischen Studiotour.

Auch die langen Tische in der Grossen Halle sind für das Festbankett gedeckt. Siruptorten, Kürbispasteten und Truthähne, so knusprig gebraten, dass man sie beinahe riechen kann. Im Kamin zu unserer Rechten züngeln Flammen. Beim Vorbeigehen rascheln Umhänge. Nein, nicht geträumt: Einige Besucher kommen dem Thema entsprechend gekleidet. In Slytherin- oder Gryffindor-Umhängen. Als Bellatrix Lestrange oder Hermine Granger.

Die Requisiten am Ende der Grossen Halle stammen aus dem vierten Film «Harry Potter und der Feuerkelch».© Sandra Meier

«Expelliarmus!»

Drei Ecken weiter üben sich zwei junge Besucherinnen im Duellieren und schwingen ihre Zauberstäbe mit eleganten Bewegungen. Links schlägt die Peitschende Weide immer wieder auf den himmelblauen Ford Anglia ein, mit dem Harry und Ron im zweiten Teil nach Hogwarts flogen. Magisch geht es auch in der Küche von Rons Familie zu und her. Mutter Molly Weasleys Haushaltsregime lässt jeden Muggle vor Neid erblassen: Hier waschen sich Pfanne und Töpfe selber ab, da bügelt sich das Hemd von alleine, während der knorrige Besen die letzten Krümel vom Boden wischt. Durch die beschlagene Fensterscheibe sieht man draussen Schnee fallen. 

Vor einer lebensgrossen Version des Hippogreifs Seidenschnabel treffen wir auf Emily. Das 12-jährige Mädchen ist ebenfalls in einen Hogwarts-Umhang gehüllt und erklärt ihrem Vater aufgeregt, wie Hippogreife gnädig zu stimmen sind: erst vorsichtig nähern und dann tief verbeugen. «Ich weiss einfach alles von Harry Potter», sagt sie mit glänzenden Augen und rückt ihre Hufflepuff-gelbe Krawatte zurecht.

Der wohl grösste Harry-Potter-Fan, den ich in Leavesden finden konnte: Emily (12) aus England.© Sandra Meier

Weiter in Dumbledores Büro erhaschen wir einen Blick auf den Sprechenden Hut oder Gryffindors Schwert. 800 gesammelte Erinnerungen schlummern in von Hand beschrifteten Glasfläschchen. Draussen steht das Haus der Dursleys, in dem unzählige Briefe von Hogwarts durch das Wohnzimmer wirbeln. 

Auf Plattform 9 3/4 wartet der Hogwarts-Express dampfend auf Passagiere. In einem Abteil sitzend versuchen wir den flinken, an das Fenster projizierten Schokofrosch zu fangen. In einem Zugabteil war es auch, als Joanne K. Rowling das erste Mal von der Geschichte des jungen Zauberlehrlings träumte. Als alleinerziehende Mutter lebte die Britin Anfang der 90er von Sozialhilfe. Und Harry Potter war keine Bombe, die sofort einschlug: Absage um Absage flatterte bei den Rowlings herein – bis der Bloomsbury-Verlag 1997 500 Stück des ersten Bandes druckte. 21 Jahre und über 500 Millionen verkaufte Bücher später ist Rowling reicher als die Queen. 

Ein entwaffnender Zauber

Die Marke Harry Potter ist einträglicher als manche Goldgrube: Allein die acht Filme spielten weit über sieben Milliarden Dollar ein. Seit März 2012 sind die Tore der Studio Tour für Besucher geöffnet. Über elf Millionen Fans allen Alters strömten gemäss Medienstelle seither nach Leavesden. Tickets sind schon Wochen vorher ausverkauft. Sie kommen von überall aus der Welt, um ein paar Stunden in den Zauber von Harry Potter einzutauchen. 

Hier wird nichts dem Zufall überlassen und die Liebe steckt in jedem Detail. Allein um die Kostüme kümmerten sich rund 50 Personen pro Film. Sämtliche Hüte entwarf der berühmte Haute-Couture Designer Philip Treacy, der auch Mitglieder des britischen Königshauses mit Kopfbedeckungen ausstattet. Kein Aufwand wurde gescheut, um die komplexe Zaubererwelt auch für die Schauspieler etwas greifbarer zu machen. Ein Hingucker ist das Lehrbuch für «Zaubertränke», das wirklich von Anfang bis Ende mit Rezepten gefüllt ist. Vom Vielsaft- bis zum Liebestrank. 

Die Abteilung «Creature Effects» erschuf hunderte mechanisch oder elektronisch gesteuerte Figuren: Von der Riesenspinne Aragog bis zum Ungarischen Hornschwanz, gegen den Harry im Trimagischen Turnier kämpft. Dumbledores Phönix Fawkes wirkt so täuschend echt, dass Richard Harris, der in Teil 1 und 2 den weisen Schulrektor verkörperte, laut unserem Tourguide in den ersten Drehtagen glaubte, es handle sich um einen lebenden Vogel.

Einzig im Green Room Bereich müssen Fans stark sein: Hier wird aufgezeigt, wie die Zauberersportart Quidditch aus der Phantasie auf die Leinwand fand. Es stellte die Regisseure vor eine ihrer kniffligsten Herausforderungen. «Erst wollten sie die Schauspieler aus einem Helikopter springen lassen», erzählt unser Tourguide. Am Ende entschieden sie sich für eine sicherere – und weniger spektakuläre – Variante. In halboffenen grünen Kabinen darf der Besucher selbst auf den Besen steigen. Eineinhalb Meter über dem Boden an einer Stange befestigt versuchen wir uns über die Zinnen und Türme von Hogwarts zu träumen. Völlig ungefährlich – und auch ein wenig langweilig. 

Kein magischer Moment für mich. Hier das verkrampfte Foto:

© TM & © Warner Bros. Entertainment Inc. Harry Potter Publishing Rights © JKR

Der Höhepunkt wartet am Ende der Tour: Ein bis ins kleinste Detail ausgearbeitetes Modell von Hogwarts. Sämtliche Innenhöfe, Türme und Erker des Modells wurden abgelichtet und am Computer bearbeitet, um daraus die verblüffend echt wirkenden Aussenansichten der Hogwarts-Schule zu erschaffen. 2500 Glasperlen geben den Anschein von Fackellichtern im Innern des Schlosses. Wieder Gänsehaut – auch für unseren Tourguide, der das Schloss seit sieben Monaten fast jeden Tag erblickt.

Beim Ausgang erspähen wir noch einmal die kleine Besucherin Emily. Links und rechts schleppt sie Papiertüten randvoll mit Tassen, Süssigkeiten und Pullovern aus dem Souvenir-Shop. Atemlos erklärt sie ihrem Vater, wie der Schwebezauber richtig ausgeführt wird: «Wutschen und schnipsen, Dad.» Dieser lächelt müde. Und zufrieden.

Die Reise wurde durch die Touristik-PR-Agentur uschi liebl in München ermöglicht.