Der Brite, der jeden Tag um 6 Uhr „Stop Brexit“ brüllt

Seit September 2017 steht der Brite fast jeden Tag auf dem Bürgersteig vor dem britischen Parlamentsgebäude. Quelle: AFP
Steve Bray

Seit September 2017 steht der Brite fast jeden Tag auf dem Bürgersteig vor dem britischen Parlamentsgebäude.


(Foto: AFP)

LondonAls der Kameramann endlich seine Kamera herüber schwenkt, drängen sich alle um Steve Bray und schwenken wild ihre EU-Fahnen. Er wirkt ein bisschen genervt, als ihm eine Fahne bedrohlich ins Gesicht flattert. „Die Botschaft muss sichtbar bleiben“, ermahnt er die Frau neben sich.

Er reckt sein rotes Schild aus dem Fahnenmeer der Kamera entgegen. „Wir haben schon den besten Brexit-Deal“, ist darauf zu lesen. Er trägt außerdem einen blauen Hut mit gelbem Hutband und der Aufschrift „Stop Brexit“ und einen blaugelben Hoodie mit der Aufschrift „SabotEUr“. Dreifach hält besser.

Seit September 2017 steht Steve Bray fast jeden Tag hier auf dem Bürgersteig vor dem britischen Parlamentsgebäude. Immer, wenn Sitzungswoche ist, kommt er vormittags gegen elf und bleibt bis abends um sechs. Sein Essen holt er sich zwischendurch im Tesco Express gleich neben der U-Bahn-Station Westminster. „Meal Deal für drei Pfund“, sagt er.

Seinen Job als Münzhändler daheim in Wales hat der 49-Jährige vorläufig aufgegeben. Er ist jetzt Vollzeit-Widerstandskämpfer in der Hauptstadt, eine Art menschlicher Big Ben. Jeden Tag um Punkt sechs Uhr brüllt er über die Straße: „Stop Brexit.“

In Zeiten politischer Apathie ist eine solche Hingabe bemerkenswert, und sie wird gewürdigt. Viele Passanten bleiben stehen, wenn sie ihn sehen. „Danke dafür, was Sie machen“, sagt eine Frau. „Wir haben Sie im Fernsehen gesehen“. Ein englisch-französisches Paar erzählt ihm, sie feierten heute ihren 53. Hochzeitstag. Sie wollen ein Selfie, er erfüllt den Wunsch gern.

Auch Journalisten kommen immer wieder vorbei, pro Tag gibt er mehrere Interviews.

Der Waliser hat einen gewissen Internetruhm erlangt, seit er sich bei den Live-Interviews der BBC ins Bild schleicht und seine Anti-Brexit-Schilder gut sichtbar in die Kamera hält. Über Youtube und Twitter verbreiten sich die Clips rasant.

Als der Sender eine meterhohe Plattform errichtete, um ungestört zu bleiben, musste Bray sich etwas einfallen lassen: Fortan kam er mit einer Teleskop-Stange, und wieder brachte er seine Botschaft ins Fernsehen. „Die Medienpräsenz, die man hier bekommt, ist einfach gigantisch“, sagt er.

Das College Green ist eine Grünfläche vor dem Eingang zum House of Lords, der oberen Kammer des Parlaments. Traditionell stellen sich hier die Parlamentskorrespondenten auf und führen ihre Interviews mit Unterhausabgeordneten, Lords und politischen Experten.

Als Bray im Sommer 2017 erstmals mit seiner EU-Fahne hier auftauchte, gab es offenbar Beschwerden. Irgendwann jedenfalls kam ein Mann aus dem Parlamentsgebäude über die Straße, fragte, was er mache, und forderte ihn zum Weggehen auf. „Und wer sind Sie?“, fragte Bray. „Ich bin Black Rod“, sagte der Mann. So heißt der oberste Ordnungshüter im House of Lords. „Ich mag das Wort Leave nicht“, entgegnete Bray. Und blieb.

Inzwischen stellt niemand mehr seine Anwesenheit in Frage. Er ist auch nicht länger allein. Vor dem Parlamentsgebäude flattern ein paar Dutzend blaugelbe Fahnen. So viel EU war selten in Westminster. Bis zu 200 Menschen seien manchmal da, sagt Bray. An diesem Nachmittag sind es vielleicht dreißig.

Ein-Mann-Demonstrationen vor dem Parlament haben Tradition. Legendär war der Friedensaktivist Brian Haw, der ab 2001 neun Jahre lang auf dem Parliament Square zeltete und eine Dauer-Mahnwache gegen diverse britische Kriegseinsätze abhielt. Er wurde zu einer regelrechten Touristen-Attraktion, bevor er 2011 an Lungenkrebs starb.

Auch Bray gehört schon zum Inventar. Viele Politiker stoppen kurz für einen Smalltalk. Er habe schon mit neunzig Abgeordneten gesprochen, sagt er. Darunter waren auch konservative Brexit-Wortführer wie Jacob Rees-Mogg und David Davis. Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn hingegen habe gesagt, er habe keine Zeit. „Er hat durch mich hindurch geguckt“, sagt Bray.

Wie die Abstimmung über Theresa Mays Brexit-Deal am Dienstag ausgeht, glaubt Bray schon zu wissen. „Eher friert die Hölle zu, als dass sie diesen Deal durchkriegt“, sagt er. „Es ist auch schwer zu erkennen, wie sie die Woche überleben will“. Er jedenfalls werde so lange vor dem Parlament protestieren, bis der Brexit gestoppt sei.

Wieder bleibt eine Passantin stehen. „Es ist schön, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen“, sagt sie. „Wir stehen auf der richtigen Seite“, sagt Bray. Und macht ein Selfie mit ihr.