Zurück auf Level zwei

Zurück
auf Level zwei

Er ist wieder da: Felix Neureuther gibt in Val d’Isère sein Comeback auf der Piste nach seinem Daumenbruch.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Felix
Neureuther kehrt in Val d’Isere mit eingegipster Hand auf Rang 22 in den Riesenslalom-Weltcup
zurück. Dauersieger Marcel Hirscher fährt weiter in seiner eigenen Liga.

Im Zielraum herrschte helle Aufregung, doch Felix Neureuther musste gar nicht allzu genau hinsehen, als der letzte Läufer im zweiten Durchgang des Riesenslaloms von Val d’Isere durch die finalen Tore fuhr. Neureuther hat jenen Rennfahrer mit dem schwarz-roten Helm schon so oft gesehen, er wusste, dass im Normalfall nichts mehr passieren würde, er gab also einfach in Ruhe weiter sein Interview. Der letzte Fahrer in Val d’Isere hieß Marcel Hirscher, er gilt unter vielen seiner Kollegen als bester Skisportler der Geschichte. Und diejenigen, die ihm diesen Titel nicht andichten würden, geben immerhin zu, dass er so gut wie nie Fehler macht. Folgerichtig machte er auch am Samstag keine und gewann sein 60. Weltcuprennen mit 1,18 Sekunden Vorsprung vor dem Norweger Henrik Kristoffersen und 1,31 Sekunden vor dem Drittplatzierten Schweden Matts Olsson. Und damit zurück zu Neureuther.

So schön der Tag für Hirscher gewesen sein mag, für Neureuther war er mindestens genauso besonders. “Es tut unheimlich gut, wieder zurück zu sein”, sagte der Garmisch-Partenkirchner, der sich vor etwas mehr als einem Jahr das Kreuzband gerissen hatte und sein in Levi geplantes Comeback wegen eines gebrochenen Daumens erneut hatte verschieben müssen. Die Freude, wieder im Weltcup unterwegs zu sein, war Neureuther anzusehen, er wirkte fast gelöst: “Einfach das Gewissen zu haben, nach so einer schweren Verletzung wieder auf diesem Level Skifahren zu können, tut unheimlich gut”, sagte er.

Dass es am Ende nur zu Rang 22 reichte? Geschenkt. Für mehr fehlt es dem 34-Jährigen noch an Trainingsroutine, zum ersten Mal fuhr er in einem Rennen auf den neuen Weltcupskiern, die in dieser Saison erneut etwas engere Radien erlauben. Darüber hinaus war Neureuther mit eingegipster Hand und daran angepasstem Spezialstock unterwegs. “Drei Zehntelsekunden hätte ich noch gebraucht, dann wäre ich komplett zufrieden gewesen”, lachte der 34-Jährige. Dann nämlich hätte im Ziel die Zeitanzeige grün aufgeleuchtet und er wäre zumindest vorübergehend in Führung gegangen.

“Ich habe alles, was ich wollte, erreicht und dafür muss man dankbar sein”, sagtr Hirscher

Ob Marcel Hirscher überhaupt noch weiß, dass die Anzeigen nicht immer grün aufleuchten? In Val d’Isere jedenfalls überragte der siebenmalige Gesamtweltcupsieger in einer Art und Weise, die vermuten lässt, dass er mindestens im Riesenslalom auch weiterhin das Maß aller Dinge bleiben wird. Auf wenigen Pisten im Weltcup fühlt Hirscher sich so wohl wie auf der “La face de Bellevarde” in Savoyen, hier feierte er 2009 seinen ersten Weltcupsieg, auf den in den letzten neun Jahren fünf weitere folgten. Üblicherweise ist der Steilhang vereist und technisch hoch anspruchsvoll, was Hirscher entgegenkommt, doch selbst die aufgrund des heftigen Schneefalls “überraschend griffige” (Kristoffersen) Version wurde einmal mehr zur Bühne für den Österreicher.

Mit Startnummer Eins enteilte der 29-Jährige bereits im ersten Lauf der Konkurrenz, sieben Zehntelsekunden betrug der Abstand zu Platz zwei. Somit konnte sich Hirscher einen für seine Verhältnisse fast schon verhaltenen zweiten Lauf leisten, ohne den Sieg zu gefährden. Auch wenn der Salzburger nach eigener Aussage kein Freund von Statistiken ist (“die kann ich mir anschauen, wenn ich irgendwann einmal mit einem Glas Rotwein am Kamin sitze”), führte die 60-Siege-Marke, die im Herren-Skisport vor ihm nur Ingemar Stenmark überschreiten konnte, doch zu ein wenig Selbstreflexion.

“Jubiläumssiege geben schon immer einen Anlass zum Nachdenken. Neun Jahre lang fahre ich hier ohne Verletzungen her, ich habe alles, was ich wollte, erreicht und dafür muss man dankbar sein”, sagte ein entspannt wirkender Hirscher, seit kurzem Vater und daher auch in Val d’Isere darauf bedacht, die Botschaft zu übermitteln, dass Skifahren für ihn nicht mehr das Wichtigste im Leben ist: “Es gibt auch etwas anderes als blaue und rote Tore”.