Der neue Wirtschaftsweise ist ein längst überfälliges Signal

Wirtschaftsweisen: Bundesregierung beruft Achim Truger Quelle: imago

Anfang März wird der gewerkschaftsnahe Ökonom Achim Truger trotz interner Widerstände in den Rat der „Fünf Wirtschaftsweisen“ einrücken. Seine Nominierung ist jedoch ein wichtiges Signal für mehr Pluralismus in der VWL.

Soviel Aufsehen hat ein Personalwechsel bei den „Wirtschaftsweisen“ schon lange nicht mehr erregt. Die Nominierung des Fachhochschulprofessors Achim Truger für den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) spaltet die Ökonomenszene.

Mit Truger ist nämlich nicht nur ein gewerkschaftsnaher Ökonom nominiert – was naheliegend ist, denn der DGB hat das informelle Nominierungsrecht für die frei werdende Stelle. Zum anderen gilt er vielen als Protagonist der so genannten „pluralen“ Ökonomen, die den gegenwärtigen Zustand der Wirtschaftswissenschaften als zu einseitig, zu wenig interdisziplinär ausgerichtet und zu wenig selbstkritisch beklagen. Stattdessen fordern plurale Studierende und Lehrende eine größere Vielfalt in Forschung und Lehre, die sich unter anderem in einer deutlichen Erhöhung der Lehrstuhlbesetzungen mit Vertretern heterodoxer Ausrichtungen zeigen müsste. Die studentische Vereinigung ‚Plurale Ökonomik‘ etwa hat einen Anteil von 20 Prozent heterodoxer Professuren als Zielgröße ins Spiel gebracht.

Die Empörung in der Ökonomen-Szene ist groß: über die Nominierung Trugers, dem die wissenschaftliche Qualifikation abgesprochen wird, aber auch über die Kritik am Zustand der Ökonomik und die Forderung nach einer „Heterodoxie-Quote“. Ob es stimmt, was Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, in einem Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche insinuiert, wenn er Truger nicht als die Person sieht, „die in der Wissenschaft etabliert ist und sich zugleich mit den Interessen und Problemen von Arbeitnehmerschaft und Gewerkschaften beschäftigt“, muss hier nicht weiter diskutiert werden.

Denn um Interessen und Probleme von Arbeitnehmern und Gewerkschaften geht es nicht vorrangig in einem Gremium wie dem SVR – wohl aber darum, durch die Besetzung der Posten sicherzustellen, dass für die Untersuchung der gesamtwirtschaftlichen Lage und deren absehbare Entwicklung „jeweils verschiedene Annahmen zugrunde gelegt und deren unterschiedliche Wirkungen dargestellt und beurteilt werden“ (§ 2 SVR-Gesetz).

Mit diesen „jeweils verschiedenen Annahmen“ sind nicht nur Wechselkurs- und Ölpreisentwicklungen gemeint. Es geht darum, einen pluralen Zugang zur Wirtschaftsanalyse und –beratung sicherzustellen, der sich auf unterschiedliche ökonomische Paradigmen stützen muss und durchaus zu Recht zu unterschiedlichen Lageeinschätzungen und Politikempfehlungen kommen kann.

Und hier kommt nun bei vielen Ökonomen der zweite Empörungsfaktor ins Spiel: Wie kann man behaupten, die Volkswirtschaftslehre sei nicht vielfältig hinsichtlich Themen und Theorien und nicht methodenreich genug? Nun, um dies beurteilen zu können, muss man klarer definieren, welcher Pluralismus gemeint ist. Tatsächlich wird niemand ernsthaft behaupten können, es gäbe nicht eine Vielzahl von Theorien für (fast) alle Aspekte wirtschaftlicher Erkenntnisprozesse. Die Themenbreite muss – angesichts tausender akademischer Ökonomen weltweit – notwendigerweise ebenso groß sein, zumal die Methodenvielfalt nicht erst mit der Reifung empirischer Methoden über die vergangenen Jahrzehnte deutlich zugenommen hat. All dies ist ausdrücklich nicht gemeint, und wer sich mit der Pluralismus-Diskussion befasst, muss dies wissen.

Es geht um einen Paradigmenpluralismus. All die Theorien, die Mainstream-Ökonomen reflexartig nennen, wenn Nachweise für Pluralität in der herrschenden Ökonomik gesucht werden – etwa die Verhaltens- und experimentelle Ökonomik oder die evolutorische Ökonomik -, erfüllen diese Ansprüche eben nicht. Sie können deshalb nicht als ‚heterodox‘ verstanden werden. Wie auch die meisten Vertreter dieser Theorieschulen es wohl zurückweisen würden, als ‚heterodox‘ bezeichnet zu werden. Sie verstehen sich als Ergänzung, Vertiefung und Erweiterung des Mainstreams, nicht aber als dessen Alternative.

Die Forderung nach alternativen Ansätze basiert auf dem wissenschaftstheoretisch begründbaren Postulat des ‚Pluralismus-Imperativs‘. Wenn Wissenschaftler also jetzt eine prozentuale Zielquote für plurale Lehrstuhlbesetzungen fordern, so ist dies kein Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit, sondern ein korrektiver, auf den Prinzipien der Wissenschaftsfreiheit gegründeter Eingriff in den ‚Wissenschaftsmarkt‘, der im Prozess der Selbstregulierung leider diese Pluralität nicht sicherstellen kann.

Die Berufung eines heterodoxen Ökonomen in den Sachverständigenrat ist ein überfälliges Signal für mehr Pluralismus in der VWL. Ob Achim Truger dafür die richtige Besetzung ist, muss sich allerdings erst zeigen.

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