Lebenslang für El Chapo: Eine Zeitenwende im Kampf gegen die Rauschgiftbosse

Joaquin Guzmán Loera, genannt El Chapo, der Kurze, einst Chef des scheinbar übermächtigen Sinaloa-Drogenkartells, wird wohl den Rest seines Lebens hinter den Mauern eines amerikanischen Hochsicherheitsgefängnisses verbringen. Aller Voraussicht nach in Florence in Colorado, am Fuße der Rocky Mountains. Zwar wird das Strafmaß erst im Juni verkündet, doch nach dem Schuldspruch einer Geschworenen-Jury sind die Weichen gestellt.

„Es ist ein Urteil, bei dem es die Möglichkeit einer Begnadigung nicht gibt“, stellte Richard Donoghue, der zuständige Staatsanwalt, hinterher klar. „Es ist ein Urteil, vor dem es keine Flucht und von dem es keine Rückkehr gibt.“

Ein wichtiger Etappensieg, womöglich sogar eine Zeitenwende im Kampf gegen die Rauschgiftbosse, das ist der Tenor der Behörden. Das Ministerium für Heimatschutz in Washington spricht von einer dröhnend lauten Botschaft an alle anderen Schmuggler: „Ihr seid nicht unerreichbar, ihr seid nicht unberührbar, euer Tag wird kommen“. Es klingt nach einer Euphorie, vor der Experten ausdrücklich warnen.

Statistiken der Drug Enforcement Administration (DEA), der Strafverfolgungsbehörde im oft beschworenen „Krieg gegen die Drogen“, zeichnen ein Bild, das nicht so recht passt zum triumphierenden Ton. In den Jahren 2016 und 2017 – da saß El Chapo bereits hinter Gittern – stieg allein die Heroinproduktion in Mexiko um 37 Prozent. Der Sinaloa-Ring und ein rivalisierendes, aufstrebendes Kartell, von den Amerikanern Jalisco New Generation genannt, stellten für die Vereinigten Staaten die „größte kriminelle Drogengefahr“ dar, schrieb die DEA unlängst in einem Bericht. In Kolumbien, von wo das Gros des in den USA verkauften Kokains stammt, steuere der Koka-Anbau nach einer vorübergehenden Delle erneut auf Rekordwerte zu. Es war ein ernüchternder Befund, eine Art Realitätscheck vor dem Hintergrund der spektakulären Gerichtsverhandlung in Brooklyn, die das bislang grellste Licht auf die Schattenwelt einer hochprofitablen Geheimorganisation warf – auch wenn manche Szene eher an die Herz-und-Schmerz-Serien einer Telenovela denken ließ.

Da war die detailgenaue Schilderung des ersten großen Coups des Joaquin Guzmán. 1990, in der Lobby eines Hotels in Mexiko-Stadt, bot er einem kolumbianischen Kokain-Lieferanten an, dessen Ware schneller nach Los Angeles und in andere amerikanische Großstädte zu bringen, als es der Konkurrenz je gelungen sei. Vorausgesetzt, er werde zu 40 Prozent am Gewinn beteiligt. Da war die Aussage des ehemaligen Assistenten Alex Cifuentes, wonach El Chapo dem früheren mexikanischen Präsidenten Enrique Pena Nieto 100 Millionen Dollar Schmiergeld gezahlt haben soll. Da waren Schilderungen, die der Legende vom Robin Hood des Drogengeschäfts, großherzig gegenüber den Armen, wie sie Guzmán gern ausmalte, ad absurdum führten. Bei grausamen Gewaltausbrüchen soll der heute 61-Jährige Gegnern beziehungsweise Abtrünnigen aus nächster Nähe in den Kopf geschossen haben, um ihre leblosen Körper danach auf einen Scheiterhaufen werfen zu lassen. Da war der filmreife Auftritt einer jungen Geliebten, die gegen ihn aussagte und zugleich unter Tränen bekundete, dass sie ihn immer noch liebe. Tags darauf erschienen sowohl El Chapo als auch seine Frau, Emma Coronel Aispuro, in rotsamtenen Jacken im Gerichtssaal. Es wirkte, als wollten sie die Festigkeit ihrer Ehe zur Schau stellen.

Im Laufe von 25 Jahren seien in Guzmáns Regie nahezu zweihundert Tonnen Kokain, Marihuana, Heroin und andere Drogen in die USA gebracht worden sein, hatte es das Team des Staatsanwalts Donoghue zusammengefasst. Dazu habe sich der Mann der raffiniertesten Tricks bedient, zum einen eines Netzes grenzunterschreitender Tunnel, zum anderen einer Vielzahl von Lastwagen, Eisenbahnwaggons, Flugzeugen, Jachten, Schnellbooten, Fischkuttern und sogar U-Booten. Mal ließ er die Ware in Paprikakonserven tarnen, mal in Plastikbananen. In Chicago, New York und anderen Städten ließ er Lagerhäuser anmieten und Extragleise verlegen, damit seine Leute die Wände ankommender Waggons aufbrechen konnten, ohne den Verdacht der Polizei zu erregen. In den Wänden waren, vakuumpackt, Kokaintüten versteckt. 14 Milliarden Dollar, zog Donoghue Bilanz, habe Guzmán mit Drogen verdient. Ted Cruz, ein konservativer Senator aus Texas, griff die Zahl sofort auf. Die 14 Milliarden, schrieb er nach dem Jury-Spruch in einem Tweet, müssten für den Mauerbau an der mexikanischen Grenze verwendet werden. Wie genau er sich das vorstellt, behielt er einstweilen für sich.