„Lotte am Bauhaus“: Gropius ließ Frauen an den Webstuhl verbannen

Nackte Menschen springen in einem See herum, sie lachen, sind ausgelassen. Lotte (Alicia von Rittberg) würde sich am liebsten ebenfalls die Kleider vom Leib reißen und zu ihnen laufen, doch ihre Schwester hält sie zurück. „Das sind Bauhäusler“, sagt sie mit Abscheu in der Stimme.

Es ist eine sehr plakative Einstiegsszene, die Drehbuchautor Jan Braren für seinen Film „Lotte am Bauhaus“ geschrieben hat. Lotte will raus aus der Enge des Elternhauses, sie will nicht in der Buchhaltung der väterlichen Schreinerei arbeiten, sie will zeichnen, ihr künstlerisches Talent zur Entfaltung bringen.

Vater wirft Lotte raus

Das Bauhaus, das zwei Jahre zuvor von Walter Gropius (Jörg Hartmann) gegründet worden war, zieht sie magisch an. Gegen den Willen der Eltern bewirbt sie sich – und wird angenommen. Der Vater wirft sie daraufhin raus. Ab diesem Moment erzählt der Film von Regisseur Gregor Schnitzler die Geschichte des Bauhauses entlang der Geschichte von Lotte. Sie verliebt sich in ihren Kommilitonen Paul (Noah Saavedra), wird ungewollt schwanger, versucht, Mutterschaft und ihre Arbeit unter einen Hut zu bringen.

Lotte am Bauhaus
Lotte (Alicia von Rittberg) wartet im Meisterhaus in Dessau auf die Ankunft von Paul und ihrer Tochter Marie. Foto:MDR/UFA Fiction/Stanislav Honzik/MDR Mitteldeutscher Rundfunk/obs

Gleichberechtigung war im Gründungsjahr des Bauhauses ein Fremdwort, dennoch hieß es im Programm der Schule: „Als Lehrling aufgenommen wird jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, deren Begabung und Vorbildung vom Meisterrat als ausreichend erachtet wird.“ Viele kreative Frauen zog es daraufhin erst nach Weimar, später nach Dessau. In der Weimarer Anfangszeit waren die Frauen am Bauhaus in der Überzahl. 84 weibliche und 79 männliche Studenten hatten sich im Sommersemester 1919 eingeschrieben. Insgesamt studierten zwischen 1919 und 1933 genau 462 Frauen am Bauhaus – das ist rund ein Drittel der Gesamtstudentenzahl.

Gropius verbannte Studentinnen an Webstühle

Doch Gropius gefiel dieser unerwartete Ansturm nicht. Er fürchtete um den Ruf seiner Schule. Mit dem Verweis darauf, dass die Stärke der Frauen vor allem im Zweidimensionalen liege, wurden die Studentinnen mehrheitlich an den Webstuhl verbannt. Nur eine Frau, Gunta Stölzl, wurde Meisterin an der Schule. 100 Jahre nach Gründung der prägenden Kunstschule sind es deshalb vor allem die Namen von Männern, die man mit dem Bauhaus in Verbindung bringt: Walter Gropius, Marcel Breuer, Ludwig Mies van der Rohe, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer.

Den nicht weniger kreativen Frauen an der Schule will der von Ufa Fiction zusammen mit MDR, SWR sowie der ARD-Tochter Degeto produzierte Film ein Denkmal setzen. Und macht trotz aller guten Vorsätze einen entscheidenden Fehler. „Lotte am Bauhaus“ degradiert die Frauen des Bauhauses ein weiteres Mal zu Nebendarstellerinnen.

Werk der Frauen wird nicht angemessen gewürdigt

Anni Albers (Marie Hacke), deren Werk erst kürzlich in der Tate Modern in London gewürdigt wurde, tritt nur als gute Freundin von Lotte und Babysitterin für deren Tochter auf. Die Malerin, Innenarchitektin und Kunsthandwerkerin Friedl Dicker-Brandeis, der Gropius „außergewöhnliches Talent“ bescheinigte, taucht in dem Film als burschikose Freundin auf, die Männerkleidung trägt und auch schon mal Frauen küsst. Kreativität und Talent dieser beeindruckenden Frau, die die Nazis 1944 in Auschwitz ermordeten, finden keinen Platz.

Das kleine Schiffbauspiel und die Kinderzimmermöbel, die Lotte im Film entwirft, stammen von Alma Siedhoff-Buscher. Ihr Name wird nicht einmal erwähnt. Ein wenig Abbitte leistet da die halbstündige Doku, die das Erste im Anschluss an den Film zeigt.

Die Frauen am Bauhaus waren unerschrocken und ihrer Zeit voraus. Alicia von Rittberg lässt Lottes Begeisterungsfähigkeit und Neugier spürbar werden. Überhaupt ist den Darstellern kein Vorwurf zu machen. Aber „Lotte am Bauhaus“ verheddert sich in den engen Genre-Grenzen des deutschen Fernsehfilms. So wird er diesen faszinierenden Frauen leider nicht gerecht.

Film und Doku in der ARD

Das Erste zeigt den Spielfilm „Lotte am Bauhaus“ mit Alicia von Rittberg, Jörg Hartmann und Noah Saavedra an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr.

Im Anschluss läuft um 22 Uhr l die Doku „Bauhausfrauen“.