Roman Bürki ist Dortmunds Stabilitätsfaktor

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich Roman Bürki in diesen Tagen erklärte. Dem Sportmagazin «Kicker» gab der Fussball-Torhüter ein Interview, und in diesem sprach er nicht bloss über den lange so blendenden Lauf des BVB; er redete auch über Krisen und Fehler, über Versäumnisse und deren Aufarbeitung. Ein Zufall ist es womöglich deshalb nicht, weil es für den BVB am Mittwochabend im Achtelfinal der Champions League gegen Tottenham geht. Es ist das zweite Mal, dass Bürki und seine Kollegen auf die Engländer treffen. An die erste Begegnung in der Gruppenphase der vergangenen Saison hat der Goalie keine guten Erinnerungen. Zweimal überwand ihn der Stürmer Harry Kane, beide Male rauschte der Ball in jene Ecke, die Bürki nach Ansicht der Experten hätte abdecken müssen.

Für Bürki war es der Beginn einer Krise, und bald sollte alles infrage gestellt werden: Nicht nur sein Positionsspiel war Gegenstand heftiger Diskussionen, sondern auch die mentale Eignung für einen Posten in einer Bundesliga-Spitzenmannschaft. In jenen Wochen, in denen der BVB von der Tabellenspitze purzelte, waren es vor allem Bürkis Fehlgriffe, die zum Sinnbild einer Krise wurden, welche am Ende den Trainer Peter Bosz den Job kostete. Insofern ist es kein gewöhnliches Spiel für die Borussia, der sich mit dem Trainer Lucien Favre eine zweite Chance gegen den Gegner von damals bietet. Die Erleichterung des BVB-Anhangs, dass die Londoner ohne den verletzten Kane antreten, wird jedoch aufgewogen durch den Ausfall des Gestalters Marco Reus, des in dieser Saison alles überragenden Dortmunders.

Es ist also ein offener Match zu erwarten im Wembley, wo Bürki aufgrund der Vorgeschichte unter besonderer Beobachtung steht. Die Vorzeichen sind allerdings andere. Bürki hat eine enorme Entwicklung durchlaufen im letzten Jahr, oder besser: durchlitten. Der «Kicker» wählte ihn zum besten Bundesliga-Torhüter der Vorrunde, noch vor Yann Sommer. Bürki hat sich aus dem Nationalteam zurückgezogen, um sich auf den Klub zu fokussieren. Tatsächlich wirkt Bürki gereift. Nicht nur die Leistungen sind stabil bis hervorragend, er wirkt im Auftreten sicher, aber nie überheblich. Dass ihm das gelang, führt er unter anderem auf die Konsultationen bei einem Mentaltrainer zurück, der ihm schon seit seinen Schweizer Tagen vertraut ist. Auch sein Spiel hat sich gewandelt. Den Anspruch, fussballerisch mit Kalibern wie Sommer, ter Stegen, Neuer und Ederson konkurrieren zu können, hat Bürki hinter sich gelassen. Nicht mehr auf Biegen und Brechen versucht er zu glänzen – als hätte er begriffen, dass auch Ehrgeiz ein Mass haben muss.

Nicht ausgeschlossen ist, dass ihm der Wechsel des Goalietrainers zum Vorteil gereichte. Zu Saisonbeginn hat Matthias Kleinsteiber diesen Posten von der BVB-Legende Teddy de Beer übernommen. Kleinsteiber konzentrierte sich vor allem auf die Eins-gegen-eins-Situationen, in die sich Bürki früher gern spektakulär hineinwarf, was ihm den Beinamen «Kung-Fu-Bürki» einbrachte. Mittlerweile hat er gelernt zu warten – und konnte damit in vielen heiklen Lagen klären.

Ebenso wichtig für seine Performance: In Favre hat er einen Coach, der ihm von vornherein das Vertrauen aussprach. Trotz missratener letzter Saison stellte Favre ihn nie infrage. Dass Bürki nach seinem Wechsel von Freiburg zum BVB lange instabil wirkte, dürfte auch mit der eigentümlichen Konstellation zu Beginn seines Engagements zu tun gehabt haben: Da wechselte er sich in den Cup-Matches mit der BVB-Institution Roman Weidenfeller ab. Es mag Goalies geben, die mit einem solchen Modell zurechtkommen. Die Mehrheit aber bekundet Mühe damit.

Bürki würde kaum bestreiten, dass er zu jener Kategorie von Torhütern gehört, bei denen stetes Vertrauen stärker leistungsfördernd wirkt als eine künstlich herbeigeführte Konkurrenzsituation. Damit befindet er sich in bester Gesellschaft: Auch Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona, den Bürki zum besten Goalie Europas kürte, blühte erst auf, nachdem der Rivale Claudio Bravo den Klub verlassen hatte.