Berlinale-Triumph "Ich war zuhause, aber…" von Angela Schanelec


13. Februar 2019, 16:56 Uhr

Bei der Vorführung gab es Buhrufe – dabei hat die deutsche Regisseurin Angela Schanelec den mit Abstand schönsten und kunstvollsten Film des Wettbewerbs abgeliefert.

“Jetzt habe ich Ihnen aber ein Ohr abgekaut.” Diesen Satz sagt die Hauptfigur von Angela Schanelecs “Ich war zuhause, aber…” zum Schluss eines Monologs über Film, Wahrhaftigkeit und die Ethik der Regie. Er stimmt unbenommen in Bezug auf den Film und könnte doch nicht falscher liegen in Bezug auf dessen Regisseurin.

Denn Angela Schanelec ist die große Wortkarge des deutschen Films. Ihre Dialoge sind sparsam in der Zahl der Worte und überbordend in der Künstlichkeit. Damit spricht sie buchstäblich nur wenige Menschen an, ihre Filme haben seit zwei Jahrzehnten kein nennenswertes Publikum außerhalb von Festivals und kleinen Kritikerkreisen gefunden. Und selbst am Ende der Pressevorführung von “Ich war zuhause, aber…”, dem mit Abstand schönsten und dem kunstvollsten Film des Wettbewerbs, gab es vereinzelte Buhrufe. Dabei sollte die große Kunst, die Schanelec hier präsentiert, mit dem Goldenen Bären prämiert werden.

Denn wer Schanelecs Filme scheut, der scheut das Kino. Was das kann und was sie mit dem Kino kann, zeigt sich gleich zu Beginn von “Ich war zuhause, aber……” in unvergleichlicher Präzision. Ein Hund rennt über ein Feld. Dann sehen wir ein Kaninchen, das in Panik flieht. Der Hund scheint es zu jagen, doch dann kommt das Kaninchen plötzlich zum Halten, schlägt die Pfoten übereinander und gönnt sich eine Pause. Vom Hund ist nichts zu sehen oder zu hören, die Jagd haben wir uns offensichtlich nur dazu gedacht. Im nächsten Bild sehen wir den Hund am Kadaver eines Kaninchens nagen und zerren.

“Ich war zuhause, aber……” ist also eine Hommage an die Kunst der Montage und damit an die Kunst an sich. Was dann folgt, ist weit weniger klar. Ein Junge verschwindet und kommt doch wieder, ein Paar trennt sich, ein Tennislehrer hat einen Auftritt. Am Ende schaut einen ein Esel fragend an.

Aber das muss genau so unklar und ungeordnet sein, denn so ist auch gerade das Leben von Hauptfigur Astrid (Maren Eggert). Vor zwei Jahren verstarb ihr Mann, ein Theaterregisseur. Seitdem schiebt sie die Reste ihres Lebens wie Möbelstücke ruhelos hin und her, immer auf der Suche nach einer neuen Ordnung.

Als der Film einsetzt, hat sie gerade die Arbeit an einer Filmhochschule in den Vordergrund gerückt und dafür die Kinder an die Seite geschoben. Doch auch das passt nicht, in der Mitte ist immer noch so viel Freiraum, und Astrid füllt ihn mit Unsinn, verwendet absurd viel Zeit auf den Kauf eines gebrauchten Fahrrads und bedrängt ihren Kollegen an der Filmhochschule mit ihrer ausführlichen Kritik zu dessen letztem Film. Dabei hat sie den, wie sie zugibt, noch nicht einmal zu Ende gesehen.

Eine unvergleichliche Regie-Beziehung

Es sind beiläufige Momente von Humor und Selbstironie, die hier durchscheinen. Sie kennt man aus Schanelecs bisherigen Filmen kaum, sie sind also Bruch mit ihrem Werk – und gleichzeitig Versöhnung mit ihrem Leben. Denn das Schicksal von Astrid teilt Schanelec, vor zehn Jahren verlor sie ihren Ehemann und Vater ihrer zwei Kinder, den Theaterregisseur Jürgen Gosch.

Zu einer Akustikversion von David Bowies “Let’s Dance” tanzt der Film für die Toten einen kleinen Totentanz, ist mit einem Seitenschritt in der Vergangenheit an einem Krankenhausbett, mit einem anderen in der Gegenwart, in der sich Astrid voller Erschöpfung auf das Grab ihres Mannes sinken lässt.

“Ich war zuhause, aber…” ist voll von solchen Bildern, die vermitteln, zwischen den Toten und den Lebenden, zwischen der Kunst und dem Leben. So spielen in einer zweiten Rahmenhandlung neben den Tieren Kinder Theater. Die Kinder sind vorpubertär, sie stehen zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Film und Theater und zwischen zwei Menschen. Denn was sie spielen, ist Shakespeares “Hamlet” – in der Übersetzung von Schanelec und Gosch.

Bei aller Abstraktion ist “Ich war zuhause, aber…” deshalb ein Werk, das seine intimen Verbundenheiten so offenlegt wie kaum ein Film sonst. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit von Schanelec und Hauptdarstellerin Maren Eggert. Es ist bereits der vierte gemeinsame Film, und wenn Eggert nun ein Alter Ego Schanelecs spielt, dann unterstreicht das einmal mehr, dass aus der künstlerischen Zusammengehörigkeit längst auch eine persönliche geworden ist.

Juliette Binoche, die diesjährige Präsidentin der Berlinale-Jury, hat so eine Regie-Beziehung kürzlich mit Claire Denis begonnen und mit “Meine schönere innere Sonne” sowie “High Life” (Kinostart: 30. Mai) zwei Filme gedreht, aus denen das absolute Vertrauensverhältnis der beiden spricht.

Sie wird die große Kunst, die Angela Schanelec hier zu bieten hat, sicherlich schätzen und dem fragenden Blick des Esels ein wissendes Lächeln entgegensetzen.

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