Berlinale-Wettbewerb: Sex mit einem Tintenfisch – „Elisa und Marcela”

Kritiker-Wertung:
Der Film „Elisa und Marcela“erhält von unserer Filmkritikerin drei von fünf Sternen. ★★★
★ Totaler Flop
★★ Misslungen
★★★ Sehenswert
★★★★ Bären-Kandidat
★★★★★ Meisterwerk

Das gibt es ja: Man begegnet einem Menschen, und der ist einem vom ersten Moment an sympathisch. Daraus kann eine Freundschaft werden, wie bei Elisa und Marcela, die sich auf der höheren katholischen Mädchenschule kennenlernen. Daraus kann Liebe werden, wie bei Elisa und Marcela.

Isabel Coixet zeigt diese Annäherung sehr schön in ihrem Film „Elisa und Marcela“. Man sieht im Spiel der Darstellerinnen Natalia de Molina und Greta Fernández, wie sie spüren, dass ihre Berührungen beim Abtrocknen nach einem Regenguss ihnen etwas mehr bedeuten als Kameradschaft. Der Film will ihre ganze Geschichte erzählen, denn sie hat einen bekannten wahren Kern: Elisa Sánchez Loriga und Marcela Gracia Ibeas lernten sich Ende des 19. Jahrhunderts auf einem Lehrerinnen-Seminar in A Coruña kennen. Im Spanien ihrer Zeit nutzten sie einen Trick, um gemeinsam leben zu können. Elisa gab sich als Mann aus, fand für den Priester eine glaubhafte Erklärung, warum das Taufregister ihn, Mario, nicht kennt, und ließ sich und Marcela im Juni 1901 trauen.

Sex zwischen Frauen galt als abnorm

In Schwarz-Weiß gedreht, mit großer Sorgfalt auf Kostüme und die Ausstattung der Drehorte, überzeugt der Film als biografische Darstellung. Doch hat sich das Schwarz-Weiß hier auch auf die Erzählhaltung übertragen. Gewiss stand die Gesellschaft zu jener Zeit gleichgeschlechtlichen Beziehungen misstrauisch bis ablehnend gegenüber. Sex zwischen Frauen galt als abnorm. Coixet, die auch das Drehbuch geschrieben hat, und ihre Kamerafrau Jennifer Cox verleitet dies leider dazu, die Liebe Elisas und Marcelas zu idealisieren.

Der Vater Marcelas erkennt schon beim ersten Klopfen Elisas an der Haustür, dass sich da eine Feindin nähert. Die Blicke, die andere Frauen und – vor allem – Männer auf das Paar werfen, sind stets verachtend. So setzt sich das fort bis zum Wutausbruch eines Mobs. Erst in Portugal, wohin die beiden als Eheleute geflüchtet sind, begegnet ihnen im Gefängnis ansatzweise Verständnis. Mit Folgen, die einerseits ihre Zukunft sichern, andererseits Marcela in die Depression stürzen.

Gelungene musikalische Untermaltung bei „Elisa und Marcela”

Die intimen Szenen beginnen zart. Wie viel länger diese beiden Frauen zum Ausziehen brauchen als die Heldinnen in Marie Kreutzers Film! – Leibchen und Mieder fordern Zeit und lassen Spannung zu. Dann werden diese Begegnungen aber mit allerlei Schnickschnack bis zum Kitsch verstärkt. Kann es die Tiefe ihrer Liebe zeigen, wenn sie mit einem glitschigen Tintenfisch zwischen sich ins Bett gehen? Auch die Filmmusik von Sofia Oriana macht dem Zuschauer immer sehr deutlich, welche Gefühle gerade gefordert sind, vom leichten Klavierklimpern über Violinen- bis zum Orchestereinsatz.

Was aus Elisa und Marcela wurde, ist nicht verbürgt. Ein in Spanien erschienenes Buch ließ sie nach Argentinien fliehen, was auch Coixet ihnen gestattet. Der neue Wohnort bildet den Rahmen des Films. Wie viel Anfeindung erträgt eine Liebe? Optimistisch stimmt das Ende nicht. Wohl aber der Vermerk im Abspann, dass Spanien die gleichgeschlechtliche Ehe seit 2005 erlaubt. Noch immer gibt es Länder, die Homosexualität bestrafen. Insofern ist „Elisa und Marcela“ auch ein politischer Film.

Isabel Coixet, die 2003 mit „Mein Leben ohne mich“ erstmals im Wettbewerb der Berlinale vertreten war, bewirbt sich zum vierten Mal um einen Bären. Diesmal mit einem von Netflix produzierten Film. Das kleine Buh, das in der Pressevorführung zum Logo des Streaming-Dienstes erschien, verhallte jedoch schnell.