„Der Film verschenkt sein Thema“

Die Schauspielerinnen Natalia de Molina und Greta Fernández mit Regisseurin Isabel Coixet (v.li.) beim Photocall zum Film “Elisa und Marcela” auf der Berlinale 2019. (imago stock&people)

Der Wettbewerbsbeitrag “Elisa und Marcela” ist als Netflix-Produktion in die Schlagzeilen geraten. Der Film eines Streaming-Anbieters gehöre nicht auf das Festival, so die Gegner. Andreas Kötzing fand den Film aus anderen Gründen enttäuschend.

Der Film “Elisa und Marcela” erzählt die Geschichte von einer Liebe zwischen zwei Frauen in Spanien um 1900. “Es ist tatsächlich die erste überlieferte, gleichgeschlechtliche Ehe in Spanien gewesen”, sagt Filmkritiker Andreas Kötzing.

“Zwei Frauen lernen sich bei ihrer Lehrerinnen-Ausbildung in einer Klosterschule kennen, und sie verlieben sich relativ schnell ineinander. Es ist natürlich klar, dass im Umgang mit den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit sich das nicht positiv auswirkt”, sagt Filmkritiker Andreas Kötzing.

Starke Bildsprache, aber zu glatte Inszenierung

Um zusammen sein zu können, nehme dann eine der beiden die Identität eines Mannes an. So gelinge es ihnen zu heiraten. “Die Reaktionen  auf den Film waren eher verhalten. Und auch ich bin etwas enttäuscht, weil es vor allem eine sehr glatte Inszenierung geworden ist. Das hat mich etwas gewundert.” 

Regisseurin Isabel Coixet habe zwar eine starke Bildsprache gefunden, und auch tolle Motive, sie habe durch Kerzenlicht eine Atmosphäre der damaligen Zeit erzeugt. “Aber am Ende sind diese Gestaltungsmittel etwas zu glatt und führen auch zu einem sehr oberflächlichen Umgang mit dem Thema. Ich habe lange überhaupt nicht verstanden, wofür sich die Regisseurin konkret interessiert.”

Klischeehafte Darstellung der sozialen Probleme

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen träten erst sehr spät in Erscheinung. Lange Zeit begnüge sich der Film nur mit der Beziehung der beiden Frauen und es gäbe zum Teil lange und ein bisschen lüstern inszenierte Sexszenen.

“Als es dann um die tatsächlichen sozialen Probleme geht, ist der Film relativ schnell klischeehaft. Da gibt es dann die Horde mit Forken und Schaufeln, die vor dem Fenster der beiden randaliert, als das Dorf von der lesbischen Beziehung erfährt. Unter dem Strich ist das Thema ein wenig verschenkt.”

Proteste von Kinobesuchern gegen den von Netflix produzierten Film "Elisa und Marcela" auf der Berlinale 2019. (dpa)Proteste von Kinobesuchern gegen den von Netflix produzierten Film “Elisa und Marcela” auf der Berlinale 2019. (dpa)

“Der Kampf gegen Netflix & Co. ist nicht zu gewinnen”

Dass “Elisa und Marcela” als Netflix-Produktion in die Kritik geraten ist, es einen Protestbrief mehrerer Kinobetreiber gegen seine Aufführung auf der Berlinale gibt, und er deswegen auch aus dem Wettbewerb genommen wurde, hält Andreas Kötzing für müßig:

“Der Kampf gegen die Streaming-Anbieter wird auf Dauer nicht zu gewinnen sein. Die Festivals werden in Zukunft noch stärker auf deren Produktionen angewiesen sein. Dagegen ist die Lobby der Kinobetreiber letzlich sehr klein. Und man sollte nicht bloß wegen Netflix sagen: ‘Dieser Film läuft hier nicht im Wettbewerb!’. Ich finde an oberster Stelle sollte die Frage der Qualität stehen. Das wäre bei diesem Film auch die viel wichtigere Frage gewesen: Hat er überhaupt die Qualität um im Wettbewerb gezeigt zu werden?”