„Wir wollen das Auto nicht kaputt machen“

Wenn es um das Auto geht, sind die Deutschen ähnlich polarisiert wie die Amerikaner in punkto Waffenbesitz. Die einen pochen auf ihr Recht, die anderen würde gerne regulatorische Grenzen ziehen. Das Thema Fahrverbote in deutschen Großstädten ist bei Sandra Maischberger genau richtig: Wenn es knallt, ist die Moderatorin in ihrem Element.

Einer der Gäste ist der Stuttgarter Marin Ivankovic. Der Diplom-Kaufmann braucht laut eigener Aussage sein Auto – einen Diesel – für fast alles. Von dem anberaumten Fahrverbot in seiner Heimatstadt ist er direkt betroffen. 

Doch wenn es darum geht, wer es „verbockt“ hat, dann gesteht auch Ivankovic ein, dass diese Frage nicht so einfach zu beantworten sei. „Grundsätzlich dürfen wir die Suppe auslöffeln, die in der Kupplung von Politik und Automobilindustrie gebraut wurde“, ärgert er sich. Doch auch von der Deutschen Umwelthilfe ist er nicht übermäßig begeistert, da deren „Kampagne“ schließlich auch auf seinem Rücken ausgetragen würde.

„Wir wollen das Auto nicht kaputt machen“

Die Umwelthilfe, vertreten durch ihre stellvertretende Geschäftsführerin Barbara Metz, wehrt sich gegen solche Vorwürfe. Und sie wehrt sich gegen die Behauptung, dass sie für Fahrverbote sei. „Der Grenzwert für Luftqualität wurde bereits 2010 eingeführt, um die Schwächsten zu schützen“, so Metz. Man wisse also nicht erst seit gestern von dessen Existenz. Die Umwelthilfe klage auf die Einhaltung dieses Grenzwertes, nicht für Dieselfahrverbote.

Die Lösung wiederum sei eigentlich einfach: „Man kann diese Autos reparieren“, nämlich durch eine Hardwarenachrüstung. Dafür, so Metz, könne die Automobilindustrie ruhig zahlen, schließlich habe sie die Kunden betrogen. „Wir wollen das Auto nicht kaputt machen. Wir wollen saubere Luft in den Städten.“

WELT-Chefredakteur Ulf Poschardt will da nicht mitgehen. „Wir erleben eine Sentimentalisierung“, beschwert er sich. Die sachliche Diskussion solle verhindert werden, indem man mit Alten und Schwachen argumentiere. Metz und der Umwelthilfe wirft er vor, dass sie „pars pro toto“ für alle sprechen wolle – die Diskussion um die Gefahr von Stickoxiden und Feinstaub ist seiner Meinung nach hysterisch. 

Franz Alt, langjähriger Moderator des ARD-Politmagazins „Report“ wiederum findet, dass man das Thema Verbote „generell zu hoch hängt“, schließlich gäbe es andere Lösungen. Als Beispiel nennt er Wiesbaden, welches einen Luftreinhalteplan erarbeitet habe, der Fahrverbote verhindere. Diese wiederum seien laut Alt nur bei den Kommunen nötig, die es eben nicht geschafft hätten, mit einem solchen Plan um die Ecke zu kommen – eine Aussage, die auch der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki bestätigt.

Den größten Schuldigen für die aktuelle Lage sieht Alt jedoch weder bei den Gerichten oder der Umwelthilfe, sondern in der Verkehrspolitik, die immer ihre schützende Hand über die Industrie gehalten und diese nicht dazu angestachelt habe, saubere Lösungen zu entwickeln. „Wir brauchen Verkehrspolitik. Wir haben aber nur Autopolitik und einen Autominister.“ 

„Wenn wir Autos loswerden, senken wir die Stickoxide definitiv“

Das Thema Grenzwerte wird auch in dieser Sendung wieder aufgewärmt. Die ARD-Wissenschaftsjournalistin und promovierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim macht in der Sendung deutlich, dass sie die von den rund 100 Lungenärzten entfachte Debatte über Diesel-Grenzwerte als beschämend empfindet und nicht viel von unwissenschaftlichen Stellungnahmen hält.

Natürlich, so Nguyen-Kim, seien Grenzwerte immer eine Frage der Abwägung. Es gäbe keinen genauen Schwellenwert, ab dem etwas von unschädlich in schädlich umschlage. Doch das Stickoxide gesundheitsschädlich seien und generell das Prinzip gelte „je weniger, desto besser“, daran bestehe kein Zweifel.

Doch um die Gretchenfrage „Wie hältst du es mit den Fahrverboten?“ kommt auch die Wissenschaftlerin nicht herum. „Wenn wir Autos loswerden, senken wir die Stickoxide definitiv.“ Doch ein knallharter Umstieg, zum Beispiel auf Benzin, sei auch nicht sinnvoll. Und ob Fahrverbote der richtige Weg seien, darüber ist sie sich auch nicht sicher – auch, weil sie im Zweifelsfall nicht weit genug gingen. „Wir müssen die Jüngsten, die Ältesten und die mit Lungenkrankheiten schützen.“

„Abmahnverein“ oder Bewusstseinsschärfer?

Dass natürlich auch er nicht für eine Verpestung der Umwelt sei, stellt Poschardt daraufhin noch einmal klar. „Niemand will dreckige Luft!“ Das ändere jedoch nichts daran, dass die Umwelthilfe ein „Abmahnverein“ sei. Poschardt warnt an diesem Abend vor den „Autohassern“, die die deutsche Autoindustrie bedrohten. Diese, davon habe er sich selbst überzeugen können, investiere „Abermilliarden“ in Innovationen. Die „Message“ sei bei den Firmen angekommen, doch sie bräuchten Zeit für eine Umstellung.

Bei Barbara Metz von der Umwelthilfe sorgen diese Aussagen für Kopfschütteln. „Ich frage mich, woher Sie das Vertrauen haben, dass es Veränderung gibt, ohne Druck und Kontrolle“. Und auch Franz Alt ist der Meinung, dass es Druck braucht und es ohne Gruppen wie die Umwelthilfe nicht gehe. „Die haben doch das Bewusstsein geschärft, sonst wären wir gar nicht so weit.“

Es sind wenig neue Argumente, die man an diesem Abend zu hören bekommt. Hier stehen Umweltaktivisten und Wissenschaftler, die darauf hinweisen, dass nicht genug getan werde, um Gesundheits- und Klimaschäden abzuwenden. Dort stehen Menschen wie Marin Ivankovic, die sich betrogen und gegängelt fühlen – für etwas, das sie nicht verschuldet haben. Es sind verhärtete Fronten, die bei Maischberger aufeinandertreffen – und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.