Zehn Minuten Nachspielzeit


Fußballtrainer Ottmar Hitzfeld zu Gast “Nachgefragt” am Kreisgymnasium Neuenburg.

NEUENBURG AM RHEIN. Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten – plus Nachspielzeit. Alt ist dieser Spruch, die Trainerlegende Sepp Herberger äußerte ihn einst leicht abgewandelt. Knapp zehn Minuten dauerte die Nachspielzeit für Trainer-Rentner Ottmar Hitzfeld. Gut 100 Minuten stellte sich der Fußballerfolgscoach den Fragen der beiden Schüler Isabelle Rath und Hans Richter am Montagabend in der zweiten Ausgabe des Formats “Nachgefragt” am Kreisgymnasium Neuenburg. Er sprach offen über Fußball, Heimweh, eine Nacht im Knast und versuchte sich als Modedesigner für Babystrampler.

Die großen Bühnen – ob in einer mit knapp 75 000 Zuschauern ausverkauften Münchner Allianz-Arena oder vor über 80 000 Besuchern im Dortmunder Westfalenstadion – sind nichts Neues für Ottmar Hitzfeld. Dazu noch ein Millionenpublikum vor dem Fernseher. Hat er alles schon zigmal in seiner Trainerkarriere erlebt. Ein Auftritt bei “Nachgefragt” ist daher Routine für den mittlerweile 70-Jährigen, sollte man meinen. Von wegen! “Ich bin angespannter als vor einem Bundesligaspiel”, gesteht der Lörracher, der auf sieben Deutsche und zwei Schweizer Meisterschaften, zwei Champions-League-Titel und 15 Auszeichnungen als Trainer des Jahres zurückblicken kann, seinen beiden Fragestellern Isabelle Rath (10. Klasse) und Hans Richter (11. Klasse) vor über 200 Zuschauern im Kreisgymnasium Neuenburg.

Und gibt ihnen gleich zur Auflockerung einen Tipp mit auf den Weg: “Ihr müsst einen Faden haben, seid aber bereit zu improvisieren und spontan zu reagieren. Das macht ein gutes Gespräch aus. Das lehrte mich meine Trainerzeit im Umgang mit der Presse.” Spielerisch bricht Hitzfeld so das Eis und beweist zugleich, dass seine an diesem Abend mehrmals geäußerte Aussage “Der Mensch ist mir wichtig”, keine Floskel ist.

Leicht machen es ihm Rath und Richter nicht. Und erst geht es natürlich um Fußball. FC Bayern München, Borussia Dortmund oder gar der SC Freiburg? Ohne groß zu überlegen entscheidet sich Hitzfeld für das Bierglas mit dem BVB-Logo – “Pils ist mir lieber als Weizen” – und hat die Lacher auf seiner Seite. Im Meisterrennen der aktuellen Saison setzt er, trotz aller Sympathie und Nähe zum FC Bayern, auf die von Lucien Favre trainierte Borussia. “Zu Beginn meiner Trainerkarriere in der Schweiz haben die Spieler und ich uns geduzt”, mit einigen kickte er zuvor ja noch gemeinsam. Dass Spieler ihn siezen müssen, kam erst in Dortmund auf. “Irgendwie muss man sich ja Respekt und Autorität als Neuer erarbeiten.”

Zur Sprache kommen auch die 50 Pfennig, die Hitzfeld als Jugendlicher von seinem Vater für jedes Tor erhielt. Richtig gut lief es da bei den C-Junioren: 132 Tore in 62 Spielen erzielte der junge Ottmar für den TuS Stetten. Einmal bekam aber auch der gegnerische Torwart den Obolus: “Er hatte meinen Elfmeter gehalten.”

Hitzfeld: “Ich bin Trainer und kein Politiker”

Die 15-jährige Isabelle Rath und der 16-jährige Hans Richter fragen immer wieder konsequent nach, wechseln regelmäßig die Richtung des Gesprächs, um Medienprofi Hitzfeld aus der Reserve zu locken. Bei politischen Themen beißen sie gelegentlich auf Granit: “Ich bin Trainer und kein Politiker und äußere mich nicht dazu, das sollen die machen, die sich damit auskenne”, sagt Hitzfeld, verurteilt zugleich sofort aber den aufkommenden Rassismus. Auf die Frage, ob er sich äußern würde, wenn die AfD Regierungspartei wäre, antwortet er ohne Zögern: “Das wird zum Glück nicht passieren.”

Anders hingegen sieht es aus, wenn Rath und Richter auf die persönliche Schiene wechseln, Themen wie Heimweh, Burnout und Familie ansprechen. “Internat in St. Gallen war ganz schlimm, selbst in Dortmund hatte ich Heimweh, das konnte ich den Journalisten gegenüber aber nicht zugeben.” 13 Umzüge musste Hitzfelds Ehefrau Beatrix im Laufe seiner Karriere managen, doch immer wieder zog es beide zurück nach Lörrach. “Das Dreiländereck und die Schweiz sind meine Heimat, da tanke ich auf.”

Apropos Beatrix: War es Liebe auf den ersten Blick? Ottmar Hitzfeld druckst rum. “Ich bin regelmäßig auf die Sparkasse, wo Beatrix arbeitete, gegangen, um Geld zu wechseln.” Die Masche funktionierte, die beiden zogen nach vier Monaten zusammen. Lediglich seine Eltern galt es noch zu überzeugen: “Das waren andere Zeiten. Eine ‚wilde Ehe’ bei meinen erzkatholischen Eltern? Letztlich gaben sie aber ihren Segen.” Offen zeigt sich Hitzfeld, als es um das Thema Burnout geht. “Ich war leer. Nach Siegen hab ich nur noch gedacht: ‚Zum Glück nicht verloren.’ Die Freude war weg.” Psychologische Hilfe benötigte und holte sich der Erfolgscoach.

Dass Isabelle Rath und Hans Richter mit ihrem Team vor diesem Abend intensiv recherchiert haben, zeigt sich bei einer Episode aus Hitzfelds Jung-Profi-Zeit. “Wie war eigentlich die eine Nacht im Knast?” Hitzfeld: “Ein Mitspieler wollte am kommenden Tag in Zürich heiraten, der Junggesellenabschied war in Como. Bei einem Kiosk steckte der Schlüssel, zwei Personen waren noch drin. Klang lustig für uns.” Was Hitzfeld und Co damals nicht wussten. “Die Kioskbesitzerin ist drei, vier Tage vorher überfallen worden.” Schnell war die Polizei da. Die Nacht hintern Gittern – ein Erlebnis, das Hitzfeld nicht wiederholen möchte.

Genug geredet – nun musste der Gast auch händisch seine Qualität unter Beweis stellen. Hitzfeld, der einer der ersten Trainer im Anzug an der Linie war, forderten die Schüler als Modedesigner heraus. “Anzüge und Jeans sind mein Ding, wer mich in Lörrach sieht, weiß, dass ich gerne Jeans trage.” So einfach machten es Rath und Richter ihm allerdings nicht, Babystrampler galt es für den glücklichen Opa zu bemalen (“Bekommen dann ihre Enkel”). “Ich bin Dirigent, kein Werker”, versuchte Hitzfeld noch die Aufgabe an die beiden Schüler abzudrücken, doch er war chancenlos. Isabelle Rath heimste den meisten Applaus für ihr Werk ein, wobei auch Hitzfeld nach kleinen Anlaufschwierigkeiten einen nett designten Strampler auf die Reihe bekam. Letztlich bleibt die Erkenntnis: Bestens vorbereitete Schüler, die Appetit auf die künftigen Ausgaben von “Nachgefragt” machen.

Am Freitag, 8. März, um 19 Uhr ist SPD-Urgestein Franz Müntefering zu Gast bei Nachgefragt im Kreisgymnasium Neuenburg. Der Eintritt ist frei.