Nach Attentat in Christchurch: Wie Berliner Muslime mit Trauer und Angst umgehen

Berlin –

Kann man vergeben? Verzeihen? Der Imam Mohamed El-Kateb sagt, dass das schwer sei. Gerade heute. „Vergeben“, sagt El-Kateb, „wird nicht die Tat. Aber dem Täter kann man vergeben. Und manche Wunden brauchen Zeit.“ Vergeben sei nicht Vergessen, sei nicht Billigung, sei nicht Akzeptanz oder Rechtfertigung, sagt der in Ägypten geborene Imam.

Gemeinsames Freitagsgebet in der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Alt-Moabit

Rund 20 Muslime und Gäste sind an diesem Freitag in die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Alt-Moabit gekommen, eine Moschee, in der Männer und Frauen zusammen beten dürfen. Dieser Freitag ist ein besonderer Tag, ein besonders trauriger.

Beim Freitagsgebet in einer Moschee im neuseeländischen Christchurch hat ein rechtsextremer Terrorist um sich geschossen, Dutzende betende Muslime getötet. Kurze Zeit später fielen auch in einer anderen Moschee der Stadt Schüsse. Der Täter filmte seine Tat, stellte sie ins Netz. Zu einer Zeit, als die allermeisten Menschen bei uns noch schliefen. Lange bevor in Deutschland, in Berlin und anderswo auf der Welt muslimische Männer, aber auch Frauen das vom Koran vorgegebene Freitagsgebet abhalten.

Schweigeminute für die Opfer von Christchurch

Bevor an diesem Freitag das Gebet in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee beginnt, gibt es eine Schweigeminute. „Das soll ein Tag der Trauer sein, der Andacht, des Innehaltens. Heute ist Zeit für Seelsorge“, sagt Marlene Löhr. Sie ist Sprecherin des säkulären Moscheeprojektes, das von der muslimischen Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ates initiiert wurde. Zuvor hatte sie den Mitgliedern der progressiven, inklusiven Gemeinde eine Mail geschrieben. Eine Frau erzählt, sie habe erst dadurch von den Ereignissen in Neuseeland erfahren.

60 Sekunden Schweigen. Von draußen klopft der Regen gegen die Fensterscheiben. Manche Muslime knien auf den zuvor ausgelegten Gebetsteppichen, die Gäste sitzen auf der warmen Heizung, andere schauen im Schneidersitz von einer kleinen Stufe ins Leere, drücken ihre Füße in den weißen, flauschigen Teppich des kleinen Raumes.

„Die Nachrichten aus Neuseeland erfüllen uns mit Schauder. Solche Dinge geschehen überall auf der Welt, tagtäglich. Menschen, die töten und ihre Taten durch ihren Glauben legitimiert sehen“, sagt Löhr. Dabei sollte man eigentlich nur eines: „Miteinander ins Gespräch kommen, egal, welchen Glauben man hat.“

Ein Prozent der Neuseeländer sind Muslime

Marlene Löhr erzählt, dass erst vor kurzem ein Muslim aus Neuseeland zu Gast in der kleinen Moschee war. Er habe von Konflikten und Spannungen in Zusammenhang mit seinem muslimischen Glauben in Neuseeland berichtet. Rund ein Prozent der neuseeländischen Bevölkerung ist muslimisch. Es sei traurig, wenn man seine Religion nicht ausüben kann, weil man Angst haben muss. „Man tut doch niemandem weh“, sagt Löhr.

Als Seyran Ates vor rund zwei Jahren die liberale Moschee gründete, löste das einen Aufschrei aus: Ates erhielt Morddrohungen, es gab Anfeindungen aus muslimischen Ländern. Eine Frau als Imam? Frauen, die neben Männern beten? Für viele Muslime zu viel. Bis heute steht ein Sicherheitsdienst unten am Eingang, wenn die Muslime zum Freitagsgebet kommen. „Wir müssen doch für Sicherheit sorgen, sonst kann man nicht beten“, betont Löhr.

Nur mit Security bei öffentlichen Auftritten

Seyran Ates wird bei öffentlichen Auftritten ebenfalls stets von Security begleitet. In der Moschee in Alt-Moabit ist sie heute nicht, sie hat einen anderen Termin. „Es ist unverantwortlich, wenn Politiker behaupten, dass ihrem Land keine rechte Gefahr drohe“, sagt sie am Telefon. Rechter Terror sei ein globaler Konflikt. „Aber die Politiker schauen weg. Rechte Gesinnung wächst nicht von heute auf morgen, auch in Neuseeland nicht. Das spürt man am Puls des Volkes.“

Rund 80 Moscheen gibt es in Berlin

In Berlin gibt es rund 80 Moscheen, manche in Hinterhöfen. Jeden Freitag kommen rund 24.000 Muslime zum Freitagsgebet zusammen. Auch am Columbiadamm, in der Sehitlik-Moschee in Neukölln, treffen sich die Gläubigen. Hier dürfen nur Männer beten. Immer wieder halten Autos vor der Moschee, Männer steigen aus. Kurz vor halb eins beginnt hier das Gebet.

Buz Kurt ist am Schwarzen Meer geboren, wohnt seit 50 Jahren in Berlin. Eigentlich sei er heute wegen der Beerdigung der Mutter seines Freundes hier. Sein Freund steht neben ihm an der Bushaltestelle. Zusammen rauchen sie noch eine Zigarette, bevor sie hinein gehen zum Gebet. Die Verwandtschaft ist gekommen, viele strömen Richtung Eingang. Die Frauen richten ein kleines Buffet mit Teigteilchen her.

Vergeben – die schwere Aufgabe

Von dem Attentat in Neuseeland hat Buz Kurt in den Nachrichten gehört. Ob er heute Angst habe? „Nein, wieso denn? Das kann überall auf der Welt passieren“, sagt er. Aber die Regierenden machten die Augen davor zu, findet er. „So etwas kommt doch nicht spontan.“ Sicher gebe es Muslime, die jetzt wieder mehr Angst hätten, sagt er weiter. „Man kann nur hoffen, dass nichts passiert“, sagt er noch und verabschiedet sich. Eine Katastrophe sei das in Neuseeland, pflichtet ihm ein anderer Mann aus der Gruppe bei.

In Alt-Moabit endet das Freitagsgebet mit einem Gesprächskreis. Es geht um inneren Frieden. Nicht alle sind sich sicher, ob sie das mit dem Vergeben schaffen können. Innerer Frieden, ohne zu vergeben und zu verzeihen? Der Imam Mohamed El-Kateb lächelt sanft. Eine Antwort bleibt aus.