Herthas Torunarigha: „In Chemnitz haben mich einige früher nicht akzeptiert“

Ein fester Händedruck, ein kurzes Zwinkern. Die Begrüßung mit Jordan Torunarigha, 21, fällt bestimmt, gleichzeitig locker und freundlich aus. Herthas Verteidiger hat sich zwischen zwei Übungseinheiten die Zeit für ein Gespräch genommen – und in Jeans geworfen. „Normalerweise trage ich an Trainingstagen eher den Schlabberlook“, sagt er mit einem Grinsen und verweist bei modischen Fragen auf seinen Teamkollegen Valentino Lazaro. Torunarigha, Spieler der deutschen U21, wirkt auf und neben dem Fußballfeld gereift. Wir sprachen über die Ereignisse in seiner Geburtsstadt Chemnitz, die Zukunft auf der Innenverteidigerposition in Deutschland, eine sehr lange Treppe und den Glauben an Gott.

Herr Torunarigha, es fällt auf, dass Sie sehr gläubig sind. Man sieht Sie oft beten, in den sozialen Netzwerken bedanken Sie sich immer wieder bei Gott. Woher kommt Ihr Glaube?

Meine Mutter ist sehr gläubig. Bevor ich Profi geworden bin, waren wir jeden Sonntag zusammen in der Kirche. Sie betet jeden Tag für uns. So mache ich es auch. Ich bete zweimal am Spieltag: vor dem Warmmachen und beim Einlaufen ins Stadion. Ich bete, dass sich keiner verletzt und Gott uns als Mannschaft segnet und beschützt.

Wie hilft Ihnen das Beten?

Es gibt mir Sicherheit. Ich habe das Gefühl, dass mich jemand während des Spiels begleitet und auf mich hinabschaut. Das gibt mir Kraft. Es ist schade, dass ich es mittlerweile kaum mehr in die Kirche schaffe.

Trotz des regelmäßigen Betens sind Sie von Verletzungen nicht verschont geblieben. Ist das Schicksal?

Vielleicht ist das ein Zeichen von Gott. Alles hat einen Sinn. Wenn ich mich damals nicht verletzt hätte, würde ich heute vielleicht nicht spielen. Verletzungen sind ärgerlich. Aber das gehört nun mal zum Fußball dazu.

Ihr Vater Ojokojo war früher Zweitligaprofi, unter anderem in Chemnitz. Mittlerweile trainiert er die U11 von Hertha. Wie ist Ihr Verhältnis?

Leider musste mein Vater seine Karriere relativ früh wegen eines Knorpelschadens beenden. Er gibt mir viele Ratschläge. Gegen Freiburg zum Beispiel, als ich meinen Gegenspieler vor dem 1:1 aus den Augen verloren habe, sagte er: Das darf nicht passieren. Du musst näher an deinem Gegenspielers dranbleiben. Mein Vater kennt sich aus und hat ein gutes Auge.

Sie sind in Chemnitz aufgewachsen. Wie verfolgen Sie die Entwicklungen in Ihrer Geburtsstadt?

Ich habe die Ausschreitungen im August letzten Jahres mitbekommen. Als ich die Bilder gesehen habe, war ich schockiert. Wenn ich mir vorstelle, heute noch da zu wohnen …

Haben Sie selbst Rassismus erlebt?

In Chemnitz haben mich einige Eltern meiner Freunde früher nicht akzeptiert. Beim Fußball wurde ich komisch angeschaut. Nicht von den Kindern, die kennen Rassismus nicht, aber von deren Eltern habe ich schon immer wieder eine Abneigung gespürt. Mit acht Jahren bin ich dann nach Berlin gekommen. Hier war alles komplett anders. Ich wurde beispielsweise von den Eltern meiner Mitspieler immer zum Training zu Hertha mitgenommen, früher musste mich mein sieben Jahre älterer Bruder abholen und wir sind mit der Bahn nach Hause gefahren.

Gefällt Ihnen das Leben in der Hauptstadt?

Früher war ich ein richtiger Stubenhocker. Aber seit Tino Lazaro und Davie Selke da sind, gehe ich auch mal raus. In Berlin gefällt mir die Vielfalt. Die Stadt hat alles zu bieten. Ich kann mir nur schwer vorstellen, woanders zu wohnen. Negativ ist allerdings der häufige Stau. Der nervt.

Die U21-Nationalmannschaft spielt am 21. März in Essen gegen Frankreich, fünf Tage später in England. Werden Sie dabei sein?

Das weiß ich noch nicht. Ich würde mich aber sehr über eine Nominierung freuen. Die Chancen stehen gut, weil Jonathan Tah wohl bei der A-Nationalmannschaft ist. Übrigens: Ich gönne es Niklas Stark, dass der Bundestrainer ihn angerufen und erstmals nominiert hat.

Sie sprechen Joachim Löw an. Jérôme Boateng und Mats Hummels wurden von ihm aussortiert. Wie sehen Sie eigentlich die Zukunft auf der Innenverteidigerposition?

Die Konkurrenz ist sehr stark. Thilo Kehrer ist bei Paris St. Germain Stammspieler. Er macht das richtig gut. Auch Jonathan Tah spielt überragend, gewinnt 70 Prozent seiner Zweikämpfe. In Deutschland gibt es schon gute Nachwuchsverteidiger. Vielleicht werde ich irgendwann ja mal eingeladen, wer weiß. Ich versuche jedenfalls, Druck zu machen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Saisonverlauf?

Es wäre schon mehr drin gewesen. Wir haben Bayern und Frankfurt geschlagen, zweimal gegen Gladbach gewonnen. In Dortmund haben wir einen Punkt geholt. Wir haben gezeigt, dass wir eine große Qualität haben. Es gab aber auch Einbrüche wie gegen Stuttgart oder Freiburg. Wir sind motiviert, der Trainer macht uns heiß, alles stimmt, aber dann … – das kann man nicht erklären. Es ist ein Lernprozess. Wenn wir am Ende auf einem einstelligen Platz landen, dann wäre das gut. In der nächsten Saison können wir dann wieder angreifen nach oben. Es wäre gut, wenn eine Stadt wie Berlin international spielt.

Trainer Pal Dardai variiert zwischen einer Dreier- und Viererkette. In welchem System spielen Sie am liebsten?

Ganz ehrlich: Ob Innenverteidiger, Sechser, Stürmer – das ist mir egal. Wenn der Trainer sagt, ich soll im Tor spielen, dann mache ich auch das. Früher war ich da durchaus anders. Da dachte ich: Okay, diese Position liegt mir nicht so gut. Das war dann auch in meinem Kopf drin. Jetzt weiß ich: Der Trainer ist der Boss und ich spiele da, wo er mich am besten sieht.

Sie spielen am Sonnabend erstmals überhaupt gegen Dortmund. Ist das ein besonderes Spiel?

Für solche Spiele bist du Fußballer geworden. Der BVB hat eine super Mannschaft. Wir müssen an unser Limit kommen und so spielen, wie wir es auch gegen die Topteams zuvor schon gezeigt haben. Wir wollen hinten den Laden dichthalten und niemanden durchlassen. Wir müssen anders auftreten als in Freiburg. Da war der Fußballgott einfach nicht auf unserer Seite.

Da sind wir wieder beim lieben Gott. Ihr Trainer schlug vor, dass man zusammen in die Kirche gehen sollte, um das Glück wieder aufzusuchen.

Ja, das habe ich gelesen. Aber ich glaube, dass das Auslaufen da schon wichtiger ist.

Sie wirken sehr ruhig und zurückhaltend, auf dem Platz sind Sie ganz anders. Wie müssen wir uns den echten Jordan Torunarigha vorstellen?

Bei Leuten, die ich länger kenne, bin ich natürlich anders. Ich bin verrückt und manchmal laut. Ich bin für jeden Spaß zu haben, mache gerne Witze. Auch über Witze, die über mich sind, lache ich sehr gerne.

Pal Dardai forderte von Ihnen, dass Sie körperlich zulegen müssen. Wie sieht es da aus?

Ich habe schon drei bis vier Kilo an Muskelmasse zugelegt, wiege jetzt 84 Kilo. Das war mir wichtig. Ein, zwei Kilo mehr wären vielleicht noch gut. Dann reicht es aber. Ich darf nicht an Schnelligkeit verlieren.

Sie haben einen Profivertrag, verdienen viel Geld, spielen Bundesliga. Lief rückblickend alles perfekt?

Das war schon ein harter Weg bis hierhin. Ich hatte hier auch eine schwere Zeit. Ich habe meine ersten Bundesligaspiele gemacht, wurde dann durch Karim Rekik verdrängt. Hinterher war ich dann auch noch verletzt. Ich musste auf meine Chance warten, jetzt spiele ich wieder. Meine Karriere war wie eine Treppe. Ich bin erst auf der dritten oder vierten Stufe.

Von zehn?

Nein, von 100. Ich bin noch lange nicht am Ende.