Andreas Dresen inszeniert Puccinis "La fanciulla del West"

Was machen Sie aus dem klischeehaften Indianerpaar?
Das Folkloristische lassen wir ganz weg. Laut Libretto begrüßen sie sich mit Grunzlauten. Dafür haben wir eine gestische Entsprechung gefunden, um von dem denunziatorischen Charakter wegzukommen. Billy und Wowkle sind die Ärmsten der Armen, die soziale Schicht unterhalb der Goldgräber. Vier Dollar und eine Decke sind die Mitgift für die Hochzeit.

Auf den Plakaten für diese Neuinszenerung steht der Spruch „Was Recht ist muss recht bleiben“ für die Oper. Trifft es das?
Das Stück erzählt von einem rechtsfreien Raum und von der Notwendigkeit, geordnete Verhältnisse herzustellen. Im Goldgräbercamp regiert die nackte Gewalt, und selbst der Sheriff ist eine zwielichtige Figur, die am Ende Johnson lynchen will. Allerdings haben die Goldgräber auch keine Lust, sich von Johnson und seiner Bande beklauen zu lassen. Insofern misstraue ich auch dem Ende der Oper, dass die Männer Minnie und den Räuber so ohne weiteres ziehen lassen.

Auf Deutsch heißt die Oper „Das Mädchen aus dem Goldenen Westen“. Da Sie in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind, bringt mich das auf die Frage: Ist die Illusion vom Goldenen Westen, die sich viele Menschen im Osten vor 1989 über die alte Bundesrepublik gemacht haben, nicht bis heute eine Belastung?
Für mich war auch zu Ost-Zeiten der Westen nicht golden. Aber ich kannte diese süße Sehnsucht, wenn ich vom S-Bahnhof Plänterwald über die Mauer zu den Hochhäusern in West-Berlin hinübergeschaut habe. Mittlerweile weiß ich, dass das Sozialwohnungen sind. Da wehte der Duft von der Bahlsen-Keksfabrik herüber. Auch im Intershop roch es anders. Viele Leute sind im Herbst 1989 für Veränderungen im Osten auf die Straße gegangen. Aber aus „Wir sind das Volk“ wurde schnell „Wir sind ein Volk“. Die Leute wollten eben möglichst rasch das ganze Glückspaket.

Der Osten hat 1990 Helmut Kohl wiedergewählt, der im Westen längst abgewirtschaftet hatte.
Schon bei der ersten freien Wahl zur Volkskammer im März 1990 hatte die Mehrheit CDU gewählt. Das hatte aber auch damit zu tun, dass der SPD-Kandidat Ibrahim Böhme, der noch mit Willy Brandt auf der Tribüne stand, sich kurz vor der Wahl als Stasi-Spitzel entpuppte. Der hat durchaus eine Aktie daran, dass die CDU damals die Wahl gewonnen hat.

Es ging vielleicht alles zu schnell damals.
Schon 1990 haben Leute wie Oskar Lafontaine vor der Geschwindigkeit des Einigungsprozesses gewarnt. Aber der Druck kam durchaus von den ostdeutschen Straßen. Insofern ist es ein Paradox, wenn einige meiner Landsleute sich heute über Wirtschaftsflüchtlinge aufregen: Sie sind damals ja auch aus wirtschaftlichen Gründen kollektiv übergelaufen, indem sie das andere Land zu sich gewählt haben. Mit mehr Zeit hätten wir die neue, vereinte Gesellschaft anders gestalten können. Diese große historische Chance haben wir versemmelt. Aber vielleicht holen wir das ja noch nach.

Premiere Samstag, 18 Uhr (Liveübertragung auf BR Klassik). Weitere Vorstellungen am 19., 22., 26. und 30. März sowie am 2. April, teure Restkarten unter Telefon 089 2185 1920. Die Vorstellung vom 30. März als Livestream auf Staatsoper.tv, ebenso die Vorstellung der kommenden Saison an diesem Sonntag, 17. März ab 10.30 Uhr