Biopics über Musiker haben Hochkonjunktur

Nach «Bohemian Rhapsody» haben Biopics über Bands und Musiker Hochkonjunktur. Doch eine ­Wiederholung dieses Sensationserfolgs wird schwierig.

Es gibt sie noch – Kinowunder, die nicht auf der Leinwand passieren. Denn dass «Bohemian Rhapsody» mit mittlerweile fast einer halben Million Zuschauer in der Schweiz zum erfolgreichsten Film der letzten zwölf Monate avanciert ist, hätte vor Filmstart kaum jemand für möglich gehalten.

Doch auch international hat die von Unstimmig­keiten und Verzögerungen geprägte Verfilmung der Karriere von Freddie Mercury alles in Grund und Boden gerockt. Mit weltweit fast 900 Millionen Dollar Einnahmen ist der Queen-Film offiziell das erfolgreichste Music-Biopic aller Zeiten. We will rock you – und wie.

Ein solches Phänomen weckt ­Begehrlichkeiten. Prompt hat ­Hollywood das hohe Lied der Film-Biografien über Musiker und Bands angestimmt. Während Filme wie die demnächst erscheinenden Biopics «Rocketman» über Elton John oder die Mötley-Crüe-Biografie «The Dirt» lange vor dem «Bohemian Rhapsody»-Hype in Produktion gingen, profitieren sie nun von ­einem gestiegenem Interesse.

Hollywood plant weitere Musik-Biopics

Tatsächlich jagen sich derzeit die Ankündigungen von neuen Musik-Biopics fast gegenseitig. «Street Survivors» will die tragische Story von Lynryd Skynryd erzählen. «Stardust» taucht ein ins Jahr 1971, als sich ein junger David Bowie auf seinem ersten Trip in die USA zu seiner Bühnenfigur Ziggy Stardust inspirieren liess. «The Power of Love» widmet sich der erstaunlichen Karriere der «Schweizer» Euro­visions-Gewinnerin Celine Dion. Und ein noch titelloser Film will die Karriere des philippinischen Sängers Arnel Pineda als ­Ersatzsänger der legendären US-Stadionrocker Journey erzählen.

Weitere Musikfilme sind geplant über den verstorbenen The Who-Schlagzeuger Keith Moon, die Beatles und Bruce Springsteen. Erst vor ein paar Tage liess sich J­udas Priest-Sänger Rob ­Halford zudem zitieren, er könne sich sein ­Leben gut als Kinospektakel wie «Bohemian Rhapsody» vorstellen. Schliesslich habe er sich «auch wie Freddie Mercury jahrelang als Schwuler verstecken müssen». Und im Queen-Lager? Da werkelt man bereits an einem Nachfolgefilm zu «Bohemian Rhapsody».

In Japan wird zum Queen-
Film Karaoke gesungen

Musik-Biopics seien derzeit absolut «hot», urteilt denn auch der ­«Hollywood Reporter». Das Fachblatt weist jedoch im gleichen Satz darauf hin, dass eine Wiederholung der Queen-Magie am Box Office schwierig werde. Denn «Bohemian Rhapsody» profitierte von einer ganz besonderen Kombination, auf die sich künftig nur ­wenige Musik-­Biopics verlassen werden können.

Tatsächlich hat dem Queen-Film nicht nur das extravagante Leben des ­bisexuellen Ausnahmesängers Freddie Mercury geholfen. Denn trotz der oft kritisierten «Reinwaschung» durch Brian May und ­Roger Taylor als Produzenten bot dessen Vita genug Action, Exzess und Drama für ein unterhaltsames und hochemotionales Kino­Erlebnis. Auch die Massierung an wie für die Leinwand geschaffenen Welthits ist einmalig. In Japan etwa animierten sie das Publikum zu spontanen Karaoke-Partys im Kino.

Ausgerechnet am Sound ist indes schon so manch ein Musikfilm gescheitert. Denn dass Hits verwendet werden dürfen, ist keineswegs selbstverständlich. «Stardust» etwa wird ohne die Originalsongs von David Bowie auskommen müssen. Auch die Hendrix-Biografie «Jimi: All Is By My Side» von 2014 litt unter dem Veto der Urheberrechtsinhaber. Allerdings hat in dieser ­Beziehung zuletzt ein Umdenken stattgefunden. Elton John unterstützte seinen Schauspieler beim Einsingen seiner Hits, und für «The Dirt» schrieben Mötley Crüe sogar vier brandneue Songs.

Biopics sind für Stars ein
mächtiges Marketing-Tool

Schliesslich mögen auch Musiker den Klang des Geldes. In Zeiten von schwindenden Plattenverkäufen haben Bands Biopics als neue PR- und Einnahmequellen erkannt. Der Queen-Katalog befindet sich seit «Bohemian Rhapsody» auf dem Höhenflug, und so manch ein ­Musiker dürfte sich von einem Biopic ­einen ähnlichen Boost versprechen.

Selbst für einen wie Elton John, der das Geld nicht nötig hat, ist ein Film eine verlockende ­Sache. Denn viele Stars haben erkannt, dass sie den Zenit überschritten haben und nicht ewig ­leben werden. Eine Film-Biografie als Denkmal ist da eine willkommene Schmeichelei. Zumal diese am Karriere-Ende kaum mehr mit den eigenen ­kreativen Outputs konkurrenziert.

Die Hosen runter lassen müssen die Stars aber. Denn Erfolg versprechen vor allem Exzesse; wer nie tief gefallen ist, kann im Kino nicht plötzlich zum Überflieger werden. Dieses Spannungsfeld verspricht weiterhin Brisanz. Denn nicht jede Band geht mit Tiefpunkten so schmerzfrei um wie Mötley Crüe samt ihren Drogen-Experimenten, den sexuellen Ausschweifungen und einem Rock n’ Roll-Leben zwischen Grössenwahn und Absturz.

Bei «Rocketman» wird es daher spannend zu sehen, wie ­Elton Johns Eskapaden auf der Leinwand abgebildet sein werden. Zwar sitzt mit Dexter Fletcher ausgerechnet jener Mann auf dem Regiestuhl, der die geschönte Version des ­Lebens von Freddie Mercury im Queen-Film zu verantworten hat. Doch immerhin hat Elton John bei «Rocket Man» nicht das letzte Wort als Produzent. Für eine Wiederholung des Wunders von «Bohemian Rhapsody» sind das gute News.

«Rocketman» ab 30. Mai in den Schweizer ­Kinos. «The Dirt» ab 22. März auf Netflix.

«Generationsübegreifend beeindruckt» – Interview 
mit Ursula Widmer, 
Marketingchefin Warner

Der Erfolg von «Bohemian Rhapsody» hat alle überrascht. Auch Sie als ­Marketingchefin der zuständigen Filmfirma?

Der Erfolg nicht, das Ausmass schon eher. Nachdem wir den Film gesehen hatten, hallten die Emotionen nach – auch noch sehr lange nach Filmende. Selten hat uns ein Film so berührt, und deshalb waren wir sicher, dass er sein Publikum finden würde.

Haben Sie eine Erklärung für dieses Phänomen?

Die Geschichte von Freddie Mercury und Queen, umgesetzt von genialen Schauspielern und kombiniert mit gross­artigen Welthits haben uns generationsübergreifend – vom Praktikanten bis hin zum langjährigen Mitarbeiter – beeindruckt. Ich denke, dass die Message, die Freddie als Person und in seinen Songs transportiert hat, heute noch Gültigkeit hat. Der Film hat dies vielen Menschen erneut bewusst gemacht.

Inwieweit können Biopics über Bands oder Musiker vom Hype profitieren?

Ich denke, dass das Publikum Biopics bislang eher als ­trockene Dokus wahrgenommen hat und jetzt sieht, dass es nicht so sein muss. In vielen Biopics gibt es tolle Künstler mit unglaublichen Geschichten zu entdecken.

Was macht ein gutes ­Biopic für Sie aus?

Was jeden anderen guten Film ausmacht: eine emotionale Geschichte, ein toller Soundtrack und sensationelle Schauspieler. «Walk the Line» und «Invictus» waren solche Filme, die tief unter die Haut gingen.