IG-Metall-Chef: „Der Nahverkehr funktioniert ja nicht“

ESSEN. Jörg Hofmann zählt nicht zu den lautesten Gewerkschaftern, aber zu den mächtigsten. Im Gespräch mit unserer Redaktion spricht der Chef der IG-Metall über den Wandel in der deutschen Industrie und darüber, was er von der Bundesregierung erwartet.

Herr Hofmann, Sie sind mit der Bahn gekommen. Ihr Beitrag gegen Fahrverbote?

Jörg Hofmann (lacht): Ich fahre gerne Bahn, da kann ich ganz gut arbeiten. Und müsste man nicht jedes Ticketsystem jeder Stadt verstehen, wäre dies noch angenehmer.

Das Auto stehen zu lassen, ist sicher die effektivste Methode für bessere Luft. Können Sie sich als IG-Metall-Chef, der auch die Autoindustrie vertritt, zu einer solchen Empfehlung durchringen?

Wenn der öffentliche Nahverkehr funktionieren würde, ja. Aber er funktioniert ja nicht. Auf dem Land fahren kaum noch Busse, und in Metropolen wie Berlin oder Frankfurt sind sie total überfüllt.

Zumindest die jüngere Stadtbevölkerung sieht im Auto immer weniger ein Statussymbol. Wie sehr wird unsere Schlüsselindustrie darunter leiden?

Die Industrie muss sich zum Mobilitätsanbieter weiterentwickeln. Das verändert die Tätigkeiten in der Branche. Unsere Aufgabe ist es, Sicherheit für die Beschäftigten in diesem Wandel zu erreichen. Die Herausforderung zeigt sich aktuell beim Umstieg auf Elektroautos.

Dieser allein wird zunächst mehr als 150.000 Arbeitsplätze in den nächsten Jahren überflüssig machen. Neue entstehen, aber oft nicht im gleichen Betrieb, am gleichen Ort – und schon gar nicht mit der gleichen Qualifikationsanforderung. Ich sehe die Unternehmen und die Politik in der Verantwortung, den Betroffenen eine Chance zu geben, sich neu zu orientieren.

Ich frage mich auch: Trägt dieser unumkehrbar eingeschlagene Pfad überhaupt? VW stellt bereits drei Werke auf Elektroantriebe um. Eine ganze Industrie macht sich auf den Weg, ohne sicher sein zu können, dass der Kunde diesem folgt.

Sie halten den Umstieg auf Elektroautos für falsch?

Nein, es gibt keine realistische Alternative mehr, will man einen relevanten Beitrag zum Klimaschutz im Verkehr leisten. Die Vorentscheidung ist auch in China gefallen, das schon mit Macht auf Elektromobilität umrüstet. Diesen Markt brauchen die Hersteller, um ihre Entwicklungskosten zu amortisieren.

Doch wir haben in Deutschland einen allzu unkritischen Tunnelblick auf die E-Mobilität. Die Rahmenbedingungen stimmen längst nicht. Es gibt Probleme mit der Ladeinfrastruktur, Batteriefertigung und -entsorgung, und vieles mehr ist ungeklärt. Doch die Politik tut bis heute kaum mehr, als Ziele zu setzen – das macht mich sehr unzufrieden.

Was sollte sie denn tun?

Der Staat müsste jetzt viel entschlossener handeln, etwa beim Ausbau der flächendeckenden Ladeinfrastruktur. Oder dem Vorantreiben einer europäischen Batteriezellenfertigung. Und er könnte die Umrüstung öffentlicher Flotten, etwa kommunaler Unternehmen, oder auch der Taxibetriebe anschieben. Das alles hat Vorlaufzeiten – „Handeln, jetzt!“ ist die Devise, will man ein Gelingen der Mobilitätswende.

Die Autoindustrie hat ihre Kunden bei den Dieselabgasen betrogen oder zumindest getäuscht. Und sie hat die E-Mobilität verschlafen. Wie teuer wird das die Beschäftigten noch zu stehen kommen?

Sie bezahlen schon jetzt dafür, viele doppelt. Die Mitarbeiter bangen nicht nur um ihre Jobs, sie fahren auch selbst Dieselautos, die massiv an Wert verloren haben. Und als Bürger sind sie nicht weniger an sauberer Luft und Klimaschutz interessiert als der Rest der Bevölkerung. Deshalb ist der Ärger der Beschäftigten ausgesprochen groß.

Man muss aber auseinanderhalten: Es gab diesen Riesen-Beschiss am Kunden mit manipulierten Abgaswerten. Hier trägt die Industrie die Verantwortung. Und es gibt bei einer deutlich größeren Zahl an Dieselautos gesetzeskonform zugelassene Motoren, die in Summe des Verkehrsaufkommens zu einem Überschreiten von Grenzwerten in Städten führen.

Wenn die Politik aus gutem Grund die Spielregeln ändert, trägt sie dafür eine Mitverantwortung. Ihre Zulassungsregeln haben jenen Verkehr erzeugt, der nun die Luft in den Städten belastet. Und ein letzter Satz: Wir brauchen den emissionsarmen Diesel von heute als Übergangstechnologie für lange Jahre, wollen wir die CO2-Ziele einhalten.

Highlights vom Genfer Autosalon 2018

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Und Sie als IG Metall tragen keine Verantwortung? Sie werden mitunter auch als Teil der Autolobby wahrgenommen.

Ja, wir tragen Verantwortung und haben diese auch wahrgenommen. Wir haben uns schon in den 90er-Jahren für alternative Verkehrskonzepte starkgemacht und immer wieder auf bevorstehende Umbrüche hingewiesen. Die Bräsigkeit der Autoindustrie an dieser Stelle haben wir immer kritisiert. Und die Politik hat immer von der Verkehrswende gesprochen, sie aber nie durchdekliniert.

Im Gegenteil: Der öffentliche Nahverkehr, die Schiene leidet an massiven Investitionsrückständen. Infrastrukturausbau braucht eben mehr als sechsspurige Autobahnen. Diese Fehler der Vergangenheit holen uns nun ein. Weil das den Standort Deutschland gefährdet, merken nun alle, dass wir was tun müssen.

Was fordern Sie?

Neben Investitionen in die Infrastruktur brauchen wir neue Sicherheiten für Beschäftigte betroffener Betriebe. Der Staat kann helfen, indem er etwa die Verknüpfung von Qualifizierung und Kurzarbeit ermöglicht. Ein Transformations-Kurzarbeitergeld könnte es Betrieben ermöglichen, bei Strukturumbrüchen ihre Mitarbeiter umzuschulen, ohne dass sie arbeitslos werden. Von den Unternehmen erwarte ich eine strategische Personalplanung und Produktentwicklung, die ihren Mitarbeitern eine Perspektive bietet.

• Kommentar:
Zwischen Elektro und Skandal: Eine Branche im Umbruch

Auch die Digitalisierung bedroht Arbeitsplätze. Ist Deutschland bei der Digitalisierung noch ein Entwicklungsland?

Das stimmt so nicht. In der Prozessindustrie sind wir weit vorne, etwa bei der Vernetzung von Maschinen. Doch wir decken nicht die ganze Wertschöpfungskette ab. Unsere digitalen Systeme basieren alle auf Cloud-Lösungen, und da geht nichts ohne Google, Microsoft und Co. Die Chinesen haben sich Alternativen geschaffen, wir in Europa nicht. So geht ein großer Teil der Wertschöpfung an ausländische Internetriesen, die hierzulande kaum Steuern zahlen und uns in Abhängigkeiten zwingen.

Was tun?

Wer zum Beispiel morgen einen VW besitzt, bei dem fährt Microsoft mit. Das treibt mich um. Wir brauchen eigene europäische Alternativen, deren Standards wir selbst setzen und bei denen wir die Hoheit über die Daten behalten.