Nach Monolog über Freiheit: Buh-Rufe bei „Räuber“-Aufführung im Schauspiel Köln

Köln –

Karl Moor steht vor der Pforte seines Vaterhauses. Er zögert. „Wie wird mir? Was ist das, Moor?“ Dann ruft er sich zur Ordnung: „Sei ein Mann!“ So einfach könnte auch Ersan Mondtags Regieanweisung an Lola Klamroth gelautet haben. Denn die spielt den verlorenen Sohn in seiner Inszenierung von „Die Räuber“, Friedrich Schillers gegen alle gesellschaftlichen Zwänge aufbegehrendem Erstlingsdrama, und Sophia Burtscher spielt den Franz, den gewissenlos intrigierenden jüngeren Bruder, der Karl beim Vater verleumdet und ins vogelfreie Räuberleben treibt.

Nicht als Shakespeare‘sche Travestie, Burtscher trägt sogar durchgängig ein altrosa glänzendes Empire-Kleid. Eher als Ausblick in eine Welt, in der Männer- und Frauenrollen nicht länger nach dem individuellen Geschlecht der Schauspieler vergeben werden. Und natürlich mögen die Mädchen, die Jungen sind, wie einst Damon Albarn sang, ihre Jungen als Mädchen: Jonas Grundner-Culemann führt als treu und anmutig leidende Amalia von Edelreich — im pinken Geckenkostüm aus der Jane-Austen-Verfilmung — Schillers Männerfantasie ad absurdum, ohne jemals auf grob parodistische Mittel zurückgreifen zu müssen.

„Die Räuber“ in Köln dauert dreieinhalb Stunden

Ebensolche möchte man anfangs auch dem Regisseur unterstellen, der sein Ensemble jede Zeile überdeutlich und mit feierlich gemessenem Ernst aussprechen lässt, als hätte Peter Stein in einem letzten Anfall von Exzentrik eine Schüleraufführung in der Gymnasiumsaula übernommen. Aber nein, hier wird nichts ironisch gebrochen, Mondtag stellt den Text aus, mätzchenfrei und im historischen Kostüm, ganz nach den Wünschen ästhetisch konservativer Theatergänger. Es dauert, mit Pause, über dreieinhalb Stunden. Er bettet den Klassiker Schiller nur in die größere Tradition der (schwarzen) Romantik ein — eine Tradition, in welche die drastischen „Räuber“ mit ihren bösen Fantasien von ins Kaminfeuer geworfenen Säuglingen eh besser hineinpassen. Der junge Marbacher war de Sade näher als Goethe.

Ein riesiger Prospekt, bemalt mit hohen, nadelarmen Tannen und einem vollem Scheinwerfermond schließt die Szene im Depot 1 ab, links davor hat Mondtag (der Regisseur ist immer auch sein eigener Bühnenbildner) ein drehbares (Puppen-)Haus gebaut, außen mit einer Wild-West-Veranda, innen als Landadels-Esszimmer mit langer Tafel und hoch gehängten Porträts. Rechts lungert Karl Moors Räuberbande auf Stufen um einen flachen, viereckigen Brunnen. Dessen Hinterwand ragt grabsteinartig auf, tatsächlich aber dient sie als Leinwand im Cinemascope-Format, auf die stimmungsvolle Landschaftspanoramen projiziert werden. Caspar David Friedrich im bewegten Bild. Später werden hier die Räuber — darunter Simon Kirsch als schmerzhaft-intensiver Schweizer und Nikolay Sidorenko als kindlich-verschlagener Spiegelberg — wie B-Filmhelden durch den herbstlichen Wald ziehen. Über den Bühnenboden wabern Nebelschwaden.

Aufführung verliert an Sogkraft

Zwischen diesen beiden Elementen ragt, mit beschwörend ausgestrecktem Arm, die überlebensgroße Statue des Übervaters Maximilian in die Höhe, sozialistischer Realismus. Doch in Fleisch und Blut ist Bruno Cathomas‘ regierender Graf von Moor nur ein windelweicher Jammerlappen im Nachthemd. Er verkörpert die schwächelnde patriarchalische Ordnung, die amoralische Monster gebiert. Als er schließlich mit Hilfe eines Galgenstricks sein eigenes Denkmal stürzen will, bleibt der große Rumms aus, es knickt nur an den Gummibeinen ein. Lächerlich wirkt das, von (freiwillig) unfreiwilliger Komik.

Da hat die Aufführung längst an Sogkraft verloren, Burtscher reißt Schauspielschulwitze, Klamroth feuert eine Pistole ab, die aus einer Tschechow-Aufführung liegengeblieben sein muss — und Mondtag leiht sich aus Einar Schleefs Regiefibel ein paar nackte Opferburschen aus, um den Verlust der Unschuld aufs Offensichtlichste auszustellen. Schade, waren Regisseur und Ensemble zuvor doch Momente großer Intensität gelungen, vor allem im Zusammenhang mit Max Andrzejewskis hochartifizieller, schmerzlich-schöner Musik. Ein Frauenquartett begleitet Schillers monologisierende Freiheitssucher mit wortlosem Satzgesang. So klingt das deutsche Schauermärchen von schwachen Vätern und weltabgewandten Wäldern.

Monolog von Carolin Emcke an „Die Räuber“ angefügt

Da hatte Ersan Mondtag längst genug gesagt. Stattdessen klebt er an den Dramenschluss noch einen Monolog über die Freiheit, den Carolin Emcke eigens für diesen Abend geschrieben hat, Thelma Buabeng trägt ihn als Einspieler von der Leinwand vor. Darin lobt Emcke ganz im Sinne des frühen Schiller (als er „Die Räuber“ schrieb war er ja kaum volljährig) die unverkleidete Gewalt, die sich wenigstens nicht hinter irgendwelchen Humanismus-Behauptungen oder rassistischem Selbstmitleid verstecke. Dann schwingt sich die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels in moralische Höhen und Freiheitsanrufungen auf, wie man sie vom späteren Schiller kennt.

Das kommt beim Publikum nicht gut an. Man lässt sich heutzutage halt nicht mehr gerne in die moralische Anstalt einweisen. Zum ersten Mal seit langem erklingen mal wieder Buh-Rufe im Schauspiel Köln. Da hat Ersan Mondtag doch tatsächlich noch die letztmögliche Art der Provokation gefunden: Texttreue und ethische Forderungen. Auch dafür hat sich dieser verkrachte, aber äußerst faszinierende Abend gelohnt.

  1. Buh-Rufe bei „Räuber“-Aufführung im Schauspiel Köln
  2. Stückbrief

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