Sich öffnen und Probleme eingestehen – Benedikt Schmid versucht jeden Tag Jugendlichen Kraft zu geben

Busbahnhof, Skaterplatz, Obdachlosenunterkunft ? Streetworker Benedikt Schmid kennt Schrobenhausens Brennpunkte. Öfter am Tag schaut er hier vorbei, schaut, ob er helfen kann und versucht mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen ins Gespräch zu kommen.
Busbahnhof, Skaterplatz, Obdachlosenunterkunft – Streetworker Benedikt Schmid kennt Schrobenhausens Brennpunkte. Öfter am Tag schaut er hier vorbei, schaut, ob er helfen kann und versucht mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen ins Gespräch zu kommen. Burgstaller

Schrobenhausen

Zugegeben, da musste er zunächst auch erst einmal schmunzeln, als er das Thema hörte, zu dem er befragt werden sollte. Mut. Streetworker Benedikt Schmids hellblaue Augen blitzen. “Na ja”, sagt er schelmisch grinsend, “ist ja nicht so, dass in Schrobenhausen an jeder Ecke Gefahr lauert.” Und freilich, da hat der 31-Jährige recht. Zum Glück ja! Aber Mut und Streetworking, das hat nicht nur unbedingt etwas damit zu tun, sich am Abend alleine auf den Straßen der Stadt herumzutreiben. Auch, aber nicht nur. Tatsächlich spielt das Thema Mut für Benedikt Schmid, der seit Oktober 2017 als Streetworker der Stadt tätig ist, eine allgegenwärtige Rolle. Beinahe täglich hat er damit zu tun.

“Mut ist nämlich genau das, was ich meinen Klienten vermitteln will”, sagt Benedikt Schmid. Nicht er sei der Mutige, sie, die Jugendlichen, mit denen Schmid jeden Tag zu hat, sind es, findet er. Benedikt Schmids Hauptzielgruppe sind Problemkids. Die, die sich herumtreiben, Schule schwänzen, Schule abbrechen, trinken, kiffen und gewaltsames Verhalten zeigen – kurzum, viele von ihnen haben Probleme. “Und dann komme ich und will über diese Probleme reden. Da ist der erste Schritt schon mal, sich mir zu öffnen”, erklärt Schmid. “Schon das alleine kostet viel Mut. Ich bin ja kein Familienmitglied, sondern Streetworker. Und gerade wenn es um Probleme in der Familie geht, ist die Hemmschwelle hoch, einem Außenstehenden davon zu erzählen”, weiß Schmid. Sich zu öffnen, sich einzugestehen, dass etwas nicht stimmt und dann auch zuzulassen, Probleme gemeinsam anzugehen – “da gehört eine Menge dazu, gerade als junger Mensch”, sagt Schmid.

Drogenmissbrauch sei so ein Beispiel. “Sich im Jugendalter einzugestehen, dass man ein Alkoholproblem hat und nicht weitermachen kann, wie man es gewohnt war, das erfordert eine gehörige Portion Mut”, weiß Schmid. Schließlich verändere so ein Eingeständnis das ganze Leben. “Und das kann ich den Jugendlichen auch nicht abnehmen. Ich kann nur begleiten und stützen”, sagt er.

Ebenfalls Teil seiner Arbeit: das oft angekratzte Selbstbewusstsein seiner Klienten wieder aufzubauen. So kommt es nicht selten vor, dass Schmid arbeitslose junge Erwachsene erst dazu ermutigen muss, Bewerbungen rauszuschicken und wieder an sich zu glauben. “Manche Jugendliche trauen sich weniger zu, als sie wirklich drauf haben, haben sich quasi selbst abgeschrieben”, sagt er. Auch dann ist Benedikt Schmid Ermutiger, macht Mut, in die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und sich nicht beirren zu lassen.

Selbes versucht er auch dann, wenn es ganz einfach nur um den täglichen Zeitvertreib geht: “Mir kommt auch oft falscher Mut unter und auch da will ich ermutigen – und zwar dazu ermutigen, manche Dinge trotz Gruppenzwang nicht zu tun.” Auch hier nennt er Drogen als Beispiel. Gerade Jugendliche müssen ihre Grenzen noch austesten und messen sich untereinander. Da gibt es sogenannte Mutproben, die eigentlich keine sind. Traust du dich, dies oder jenes zu nehmen, traust du dich, jemanden zu schlagen, wie risikobereit bist du? “In solchen Situationen möchte ich vermitteln, dass genau sowas überhaupt nichts mit Mut zu tun hat. Dass viel eher der der Mutige ist, der den anderen nichts beweisen muss.”

Und was ist mit ihm selbst? Wie viel Mut braucht Benedikt Schmid in seinem Beruf? Einem Beruf, in dem er sich jeden Tag aufs Neue außerhalb seiner Komfortzone bewegen muss? Immer wieder muss Schmid auf neue Leute zugehen. Jugendliche und junge Erwachsene ansprechen, die ihn nicht unbedingt unter sich haben wollen. “Das war gerade am Anfang natürlich schon unangenehm. Wahrscheinlich macht das keiner gerne, sich irgendwo dazu zu stellen und zu sagen ,Hallo, wie geht’s?'”, erinnert sich Schmid. Mittlerweile kenne er aber doch schon viele junge Menschen in der Stadt. Nur noch selten komme er irgendwo dazu und kennt wirklich niemanden. “Irgendwie erfordert es doch Mut auf Menschen zuzugehen. Aber noch eher würde ich dieses auf neue Leute Zugehen als Herausforderung beschreiben, die einfach zu meinem Job gehört.” Und Herausforderungen seien dazu da, sie zu meistern, meint der 31-Jährige.

Und wie ist das nun am Abend alleine in Schrobenhausen unterwegs zu sein, wie viel Mut braucht man da tatsächlich? Von täglichen Messerstechereien hört man hier nicht, aber Drogen und Gewalt, die gibt es ja doch. Und schließlich hat Benedikt Schmid als Streetworker genau die im Blick, die öfter mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten oder am Rande der Gesellschaft leben. “Manchmal ist es schon unangenehm in der Dunkelheit alleine unterwegs zu sein”, gibt er zu. “Man erkennt dann schwerer, wer da in Gruppen beieinander steht und manchmal merke ich erst, wenn ich näher gekommen bin, dass ich unerwünscht bin.” Dann gehe er meistens auch wieder. Aber nicht aus Angst, wie er betont. “Einfach, weil man die Menschen immer mit Respekt behandeln muss”, sagt er. Aber auch Selbstsicherheit auszustrahlen, sei wichtig. “Und die gibt mir meine Ausbildung, darauf kann ich mich verlassen”, sagt der Rohrenfelser. Er weiß: Wird es brenzlig und es kommt zu körperlicher Gewalt, wird er sich verteidigen können. “Ich habe den dritten schwarzen Gürtel in Karate, das mache ich schon seit 20 Jahren”, sagt Schmid. Hinzukomme seine Ausbildung als Gewaltschutztrainer, dank der er weiß, wie sich gefährliche Situationen entschärfen und deeskalieren lassen. Diese Fähigkeiten hat er sogar schon einmal anwenden müssen. Nicht in Schrobenhausen, aber bei seinem vorherigen Job als Betreuer in der Jugendarbeit in Neuburg. Ein junger Mann hatte die Kontrolle über sich verloren und schlug wutentbrannt mit einem Feuerlöscher wild um sich. “Ich habe mich ihm in den Weg gestellt und ihn gestoppt. Ich war kampfbereit, aber Augenkontakt und ein lauter Schrei haben in diesem Fall ausgereicht”, erzählt Schmid. Ob das mutig war? “Na vielleicht ein bisschen”, sagt Schmid schmunzelnd.