Und täglich grüßt der Tod

Gute Serien auf Netflix zu finden ist schwer. Nicht, weil es an guten Inhalten mangelt, sondern weil die Flut des Contents einen überwältigen kann. Deshalb fallen Serien, die weniger als zehn Episoden und kürzer als 50 Minuten pro Folge sind, gleich positiv auf. „Russian Doll“ fällt in diese Kategorie. Beim Hereinschnuppern stellt man fest: Die Serie ist wie kaum eine andere.

Nadia „Phil“ Vulvokovs schwere Nacht

Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) sollte ihre Geburtstagsfeier genießen können. Zum einen wird sie von Freunden organisiert, was ihr reichlich Stress erspart, zum anderen schleppt sie gleich einen Kerl ab und darf auf ihre Art feiern. Dass sie wenig später von einem Taxi überfahren wird, kümmert sie wenig. Nach einem Augenblick steht sie wieder vor dem Badezimmerspiegel im Appartement ihrer Freunde. Im Hintergrund ist die gleiche Musik zu hören, wie zu Beginn des Abends, die Feier nimmt ihren üblichen Verlauf. Eine Konstante, denn egal wie oft Nadia stirbt – und dies geschieht mindestens einmal pro Folge – sie landet immer wieder in diesem präzisen Moment. Und beginnt den Abend von vorne.

Natasha Lyonnes Rolle ist jedoch mehr als ein billiger Abklatsch von Bill Murrays Phil Connor aus „Groundhog Day“ (dt. „Und täglich grüßt das Murmeltier“). Nadia Vulvokov ist nicht nur eine eiskalt abgeklärte Programmiererin, die so ziemlich jede Droge ausprobiert hat, sondern sie hat auch einige Dämonen der Vergangenheit zu bewältigen. Ihr konstanter Sarkasmus macht die Serie erst zu dem, was sie ist: eine „Groundhog Day“-Variante auf Crack, mit einem eigenen Tempo, teils sehr extravaganten Gestalten und mehr roten Heringen als ein Film von M. Night Shyamalan. Dass dabei den Figuren mehr Platz eingeräumt wird, um ihre Eigenschaften auszuloten, hebt es noch mal vom Bill Murray-Streifen ab.

Gut abgeschmeckte Mischung

„Russian Doll“ lässt zu keinem Moment Langeweile aufkommen. Das ist auch der Verdienst von Lyonne, die hier gleichzeitig die Rolle der Produzentin übernimmt. Sie spielt Nadia als wäre sie einzig zu diesem Zweck geboren worden. Der später hinzustoßende Charlie Barnett verkörpert mit Alan Zaveri einen regelrechten „Straight Man“- ein ernsteres Gegenstück also – der die Komik noch einmal amplifiziert. Bei allen lustigen und launigen Elementen vergisst die Geschichte nicht, in die Tiefe zu gehen und eine gehörige Portion Drama einzubringen. Dies geschieht jedoch in einer wohlgewichteten, gut abgeschmeckten Dosierung, weshalb man schnell durch die acht Episoden kommt.

Abseits der schauspielerischen Leistung und dem hervorragenden Drehbuch muss die Inszenierung gelobt werden. Jede Szene weiß, welche Farbgebungen zu ihr passen, die Kameraführung bleibt immer übersichtlich, wenn auch verspielt. Sich ändernde Details sorgen bei aufmerksamen Zuschauern dafür, dass Szenen sich nicht zu sehr wiederholen – was bei diesem Plot keine Selbstverständlichkeit ist. Man erlebt mit Nadia gerne immer wieder diesen Tag und es ist erfreulich, dass eine andere Auflösung gefunden wurde als bei „Groundhog Day“, auch wenn dessen Spurenelemente nicht von der Hand zu weisen sind.