Vor 25 Jahren: Brandkatastrophe in der Stuttgarter Geißstraße

Feuerwehrleute löschen den Brand in der Geißstraße (Archivbild) (Foto: SWR, (Archivbild))
Feuerwehrleute löschen den Brand in der Geißstraße. (Archivbild)

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16. März 1994: Das Treppenhaus in der Geißstraße 7 in der Stuttgarter Innenstadt brannte bereits lichterloh, als morgens um 3:30 Uhr die Feuerwehr eintraf. Die Geschwindigkeit, mit der sich das Feuer ausdehnte, war enorm. Die Flammen hatten das Dachgeschoss erfasst, Menschen hingen an den Fenstern oder hatten sich auf das Dach gerettet und schrien in Todesangst um Hilfe.

“Das sind Bilder, die sich wirklich bei mir eingegraben haben: Meterhohe Flammen und Menschen, die versucht haben, sich irgendwie am Dach festzuhalten, während die Flammen im Rücken immer näher gerückt sind und es immer heißer wurde”, erzählt Jürgen Rose. Er wohnte damals nur wenige Häuser entfernt und erlebte alles mit. “Man hat gesehen, wie die Menschen sich immer mehr in Richtung Abgrund bewegt haben und immer geguckt haben, wann kommt denn jemand.” Als dann die Feuerwehr endlich gekommen sei und gerade versucht habe, Sprungtücher auszubreiten, seien mehrere Leute gleichzeitig runtergesprungen. “Manche haben das Sprungtuch erreicht. In einem Fall hat es nicht geklappt, die Frau ist dann gestorben.”

Sieben Tote, 16 teils lebensgefährlich Verletzte

Für sieben Menschen kam jede Hilfe zu spät. Sechzehn Personen in dem vor allem von Migranten bewohnten Haus erlitten teils lebensgefährliche Verletzungen. Schnell kam die Frage auf, ob die Brandstiftung einen fremdenfeindlichen Hintergrund hatte.

Eine Leiche wird vom Brandort weggetragen. (Archivbild) (Foto: SWR, (Archivbild))
Sieben Menschen kommen bei dem Brand in der Geißstraße ums Leben. (Archivbild)

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Verdacht auf fremdenfeindlichen Hintergrund

Als die Polizei den Täter ermittelt hatte, wurde dieser Verdacht weiter geschürt. Der Täter hatte auch in Esslingen Brände gelegt und Bekennerschreiben mit fremdenfeindlichen Parolen und Hakenkreuzen verfasst. Die Richter am Landgericht Stuttgart kamen allerdings später zu dem Schluss, dass kein extremistischer Hintergrund vorlag.

Gutachten: Nicht rechtsradikal, sondern psychisch gestört

In einer Zeit Anfang der Neunzigerjahre mit fremdenfeindlichen Brandanschlägen wie in Mölln und Solingen hatte der Täter die öffentliche Aufmerksamkeit und Beachtung gesucht und deshalb den Brandanschlägen einen rechtsradikalen Anschein gegeben. Ein Gutachter bescheinigte dem Täter eine schwere psychische Störung. Das Urteil des Gerichts lautete fünfzehn Jahre Haft und Sicherungsverwahrung.

Desolate Mietsituation

Die Brandkatastrophe deckte auch die zum Teil desolate Mietsituation in dem Haus auf. Der Pächter und der Unterpächter wurden später zu Geldstrafen verurteilt. Die Eigentümerin des Hauses, die Hofbräu AG, hat das Haus kurz nach dem Brand an die neu gegründete Stiftung Geißstraße übergeben.

Das Haus in der Geißstraße 7 heute (Foto: SWR)
Das Haus in der Geißstraße 7 heute.

Stiftung Geißstraße gegründet

“Die Idee war, dass wir ein Haus führen, von dem aus eine kulturelle Belebung, nicht nur von der Nachbarschaft, sondern auch in die Stadt eingeht”, erzählt Michael Kienzle, Gründungsmitglied der Stiftung. “Dass verschiedene Nationalitäten, verschiedene Religionen, verschiedene Lebensstile eigentlich sehr gut miteinander leben können.”

Die Stiftung Geißstraße ist heute in vielfältiger Weise im Stuttgarter Stadtleben aktiv mit zahlreichen Veranstaltungen, Erinnerungsarbeit und der Hilfe für Flüchtlinge.